Altmarkt
Den Charakter Dresdens neu definieren!

 
Architekten:   Ostseite und einen Teil der Südseite Wilsdruffer Str. mit Arkadendurchgang Weiße Gasse: Herbert Schneider (in Zusammenarbeit mit Kurt Röthig, Hans Konrad und Kollektiv)
Westseite: Johannes Rascher (
in Zusammenarbeit mit Gerd Guder, Gerhard Müller und Kollektiv),
HO-Warenhaus (Wilsdruffer/ Ecke Altmarkt):
Arbeitsgemeinschaft Alexander Künzer
Skulpturen:   u.a. von Ernst Grämer (DD-Hellerau), Otto Rost
Bauzeit:   1953 - 58

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Repräsentation eines neuen Staates:  Deutschland
unter sozialistischen Vorzeichen


"Der 1370 erstmals erwähnte Altmarkt gilt als älteste regelmäßige Platzanlage Dresdens. Nach seiner völligen Zerstörung im 2. Weltkrieg wurde er, um ein Vielfaches vergrößert, wieder aufgebaut, um u.a. als Aufmarschplatz für Maikundgebungen zu dienen.
Die östliche Seite des Altmarktes, errichtet nach Plänen H. Schneiders, ist durch eine 7 geschossige Bebauung gekennzeichnet, die an die traditionelle Dresdner Barockarchitektur anknüpft. Die Wohnhäuser, in deren unteren Geschossen Läden und gastronomische Einrichtungen untergebracht sind, verfügen über symmetrisch gegliederte Sandstein-Putzfassaden mit durchlaufenden Erkern, Satteldächern mit Dachgauben sowie gesprengte Giebel als Schmuckelemente. Ihre Firsthöhe beträgt 26 m, wobei das OG geschickt zurückgesetzt ist. Mit dieser Gestaltung wurde versucht, eine für Dresden charakteristische Dachausbildung weiterzuentwickeln.

Auf der westlichen, von J. Rascher entworfenen Seite des Altmarktes findet man ebenfalls 7 geschossige Wohnhauszeilen. Die durchgängigen Arkadenpassagen mit Geschäften und Restaurants stehen in harmonischem Einklang mit der östlichen Bebauung. Auch hier kamen Sandstein-Putzfassaden mit einer symmetrischen Gliederung zur Anwendung, die in barocker Tradition stehen. Einen Akzent der westlichen Platzfront bildet der Kopfbau zur Wilsdruffer Straße.
Die Marktbebauung ist typisch für die aufwändige, monumentale, historisierende und durchaus qualitätsvolle Architektur der ersten Hälfte der 50er Jahre in der DDR." Architekturführer Dresden 1997

Besetzung der Mitte: der Zentrale Platz
Die Schaffung eines Demonstrationsplatzes für mindestens 100 000 Menschen für stehende Demonstrationen war entscheidender gedanklicher Ausgangspunkt für den Wiederaufbau der Dresdner Innenstadt. Anfang 1951 wurden mehrere Vorschläge gemacht, an welcher Stelle man diesen großen neuen Platz errichten könne. Herbert Schneider arbeitete genaue Pläne für einen Demonstrationsplatz östlich des Neuen Rathauses aus, welches gerade im Aufbau war. Durch Vorgaben der politischen Ulbricht-Führung in Ostberlin wurde jedoch der Altmarkt - mitten in der barocken Altstadt festgelegt. Die Besetzung der politischen, ehemals bürgerlichen Mitte durch die SED-Führung war so ein höchst symbolischer Akt.


Vernetzung des Stadtgefüges zerstört

Ein gravierender, folgenschwerer städtebaulicher Fehler war neben der völlig maßstablosen Ausweitung des Platzes seine Abriegelung zu den umliegenden Nebenstraßen und -gassen. Auf der westlichen wurden alle vier Gassen durch den von der Wilsdruffer Straße bis zum Ring als Gesamtbaukörper reichenden Riegel abgeschnürt: Scheffelstraße, Webergasse, Zahnsgasse, Breite Straße. Auf der östlichen Seite die Große Frohngasse (seit 1451) und auf der Nordseite die Schösser Straße (seit 1396). Alle genannten Innenstadtstraßen sind heute nicht mehr existent.
Mit dieser Abriegelung des Platzes wurde die Durchlässigkeit des ehemals vernetzten inneren Stadtgefüges erheblich beschädigt und ihm ein irreparabler Schaden zugefügt. Das Nichtfunktionieren des Dresdner Stadtkerns hängt zu großen Teilen mit diesem undurchlässigen geschlossenen Stadtraum zusammen.

Die Ausweitung des Platzes zur politischen Instrumentalisierung "werktätiger Massen" wurde jedoch in der Platzgestaltung selbst nicht konsequent ausgebildet. Wahrscheinlich aus fehlenden finanziellen Mitteln unterblieb eine einheitliche Neupflasterung. Die Ausdehnung des alten Vorkriegs-Altmarktes war bis 2007 in weiten Teilen des Gründerzeit-Kopfsteinpflasters sowie der ehemaligen Bordsteinkanten ablesbar. Für den Bau einer Tiefgarage wurde der Platz 2008 umgestaltet. Ein Teil des alten Pflasters ist als identitätsbildende Zeitschicht
und Erinnerungsmal wieder in den Boden eingelassen worden.


Architektur: neobarock-sozialistisch - im Inneren: Swinging Fifties

Ist der politisch aufgeladene Städtebau äußerst kritisch einzuschätzen, kann man die Architektur selbst durchaus positiv "dresdnerisch" beurteilen. "Eklektizistisch" wäre eine falsche Beschreibung für diese durchaus kreativ-schöpferisch interpretierende Bauleistung. Denn das Wort besagt, ein wahlloses Zitieren und Vermischen historischer Stilelemente verschiedener Epochen. Am Dresdner Altmarkt aber wurde sehr genau auf das Spezifische eines Dresdner Lokalkolorits geschaut, wenn auch das Individuelle der bürgerlichen, einzelnen Wohn- und Geschäftshäuser zugunsten eines kollektiven Gemeinschaftsgedankens der Gleichheitsutopie aufgegeben wurde.


Das Innere der durch Treppenanlagen verbundenen Läden über zwei Geschosse wurde im Stil der Ornamentik der 50er Jahre üppig und in geschwungener Leichtigkeit gestaltet. Moderne Zeitgeistströmungen kamen in den swingenden Kurven des Interieurs, der Lichtarchitektur und -reklame zum Ausdruck. Kaum eine der Innenausstattungen ist noch im Original vorhanden.

siehe: Treppenhäuser am Altmarkt

2006 wurden - ohne jeden Protest der Öffentlichkeit -
die stadtbildprägenden Glas-Tulpenleuchten der späten 1950er durch gesichtslose Lichtstrahler ausgetauscht. Wieder ein herber Verlust von gewachsener Nachkriegskultur.


Foto: S. Baumgärtel (Jan. 06)


Kunsthistorische Einordnung

Manche Kunsthistoriker ordnen den Altmarkt, als "überzeugendstes Beispiel eines neuen Stadtplatzes in der
DDR" in die Phase "traditionalistische Rekonstruktionen 1940-1960" ein, wie z.B. Wolfgang Sonne in seinem Aufsatz "Kultur der Urbanität. Die dichte Stadt im 20. Jahrhundert" von 2006, nachzulesen in: www.stadtbaukunst.org (pdf).
Jüngere Forscher, wie z.B. Andreas Kriege-Steffen, machen als Vorbilder für die neue Altmarkt-Architektur (Westseite) Bebauungspläne für den Altmarkt aus den 1920er Jahren aus, was sich u.a. in der Verwendung von einheitlich durchlaufenden Arkadengängen aufzeigen lasse. Zusammenfassung in: Kunsttexte 2013


veröffentlicht in: Walter Weidauer, Das erste Jahr des großen Dresdner Aufbauplanes ; Sondersitzung d. Rates der Stadt Dresden am 5. Jan. 1946 in der Tonhalle, Dresden 1946
Entwurf Altmarkt 1946 (ohne Verfasser), Vergrößerung
Vorbild u.a.: Hans Erlwein: Arkadengang der Löwenapotheke von 1913-14


Der arbeitende Mensch in der Kunst

Eine Vielzahl schmückend künstlerischer Details in Form von Skulpturen im Stil des Sozialistischen Realismus, verspielter Mosaiken, schmiedeeiserner Gitter, kupferner Dachreiter uvm. sollte den festlich- gehobenen Charakter des ältesten- und Hauptplatz der Stadt unterstreichen sowie (kunst-) handwerkliche Traditionen - nicht elitär sondern volkstümlich- neubeleben. Natürlich stand die Arbeiterklasse im Mittelpunkt (wie z.B. die Sandsteinskulpturen "Drogist" [siehe Foto unten] und "Küfer" [Böttcher] von Ernst Grämer am Eingang zum Altmarktkeller). Die gegenständliche Politkunst Ostdeutschlands versuchte mit dieser Arbeiterverherrlichung, sich von einer Westkunst abzusetzen, die abstrakte Darstellungen förderte.

Das Abqualifizieren schmückender Bauelemente als "Zuckerbäckerstil", ein Frontbegriff aus Zeiten des Kalten Krieges, weicht zunehmend einer sachlicheren Beurteilung. Was an dieser Architektur "stalinistisch" oder gar "bolschewistisch", was regional, was national, was DDR-deutsch und was allgemeiner Zeitgeist innerhalb der Ostintegration in den "Warschauer Pakt" (ab 1955) gewesen ist, müssten eingehende kunsthistorische Analysen klären.

Etwas verkürzt und ungenau in den historischen Dimensionen beschreibt 2005 Wolfgang Pehnt es so: "ein Nationalstil, der eigentlich ein Heimatstil war."

Hohe Decken, großzügige Wohngrundrisse, Parkett, z.T. Stuck, lichte breite Hausflure, moderne Fahrstühle - die Arbeiterpaläste bestechen durch außergewöhnlichen Luxus für ansonsten eher bescheidene DDR-Verhältnisse. Leider gingen die begehrten Wohnungen weniger an hart arbeitende, alleinstehende Trümmerfrauen mit Kindern, als an führende SED-Genossen.


Hermann Henselmann
forderte mehr bildkünstlerischen Schmuck.

Hermann Henselmann, der damalige Chefarchitekt Ost- Berlins, hatte 1952 die ersten fertig gestellten, fast schmucklosen Neubauten der Grunaer Straße in Dresden Ost scharf kritisiert und mehr Künstlertum und Fantasie gefordert. (Quelle: deutsche architektur 2/1952).

1961 ist der "hakenschlagende" Henselmann mit dem Haus des Lehrers am Alex dann ganz in die DDR-Moderne umgeschwenkt. Zur Architektur von Henselmann zwischen 1950 bis 1955 auf der Ostberliner "Stalinallee", die keinen unwesentlichen Einfluss auf Dresden hatte - siehe: www.uni-leipzig.de- Aufsatz von Claudia Honisch 1999)

Als Reaktion auf Henselmanns Kritik war die besondere Ausschmückung des neuen Altmarktes auch ein Zugeständnis an die langen künstlerischen Traditionen der Kunststadt Dresden. Während in vielen Wiederaufbaustädten von Dessau bis Neubrandenburg die neuen Marktplatzfassaden eher Bescheidenheit ausstrahlten, legten die Planer für Dresden einen eindeutig höheren Maßstab und ein enthusiastischen Ehrgeiz für dieses Prestigeobjekt der jungen DDR an den Tag. Dresden - das hatte Klang und war eine besondere Verpflichtung. Bauen im neuen Zentrum der schönen Stadt hatte auch eine gesamtdeutsche Verantwortung. Neben dem politisch aufgeladen Monumentalen, Triumphierenden sollte die Architektur bewußt nicht an die Moderne während der 1920 und -30er Jahre anknüpfen, sondern an die humanistischen deutschen Traditionen einer vormodernen Architektur und an die Leistungen eines lokal bezogenen, traditionell starken Dresdner Kunsthandwerks.

"Nationale Tradition" - was ist das?

Die Altmarkt
bebauung steht im Zeichen der sogenannten "Nationalen Tradition", also eines vermeintlich typisch deutschen Baustils. Im Einzelnen jedoch besaß dieser Stil eine eher regionale Prägung. (Die Bauten in Leipzig, Rostock, Ostberlin und Eisenhüttenstadt hatten durchaus ortbezogene Architekturelemente.) Die Epochenbezeichnung kann man wie folgt definieren:
Das Leitbild der Nationalen Bautradition schreibt 1950-55 die Grundprinzipien der Architektur in der DDR vor, die sich im Wesentlichen durch eine Abgrenzung von der "Internationalen Architektur" der Moderne auszeichnen. Vorbild ist die Architektur der Sowjetunion, in der sich seit Mitte der 30er Jahre ein schöpferischer Eklektizismus aus neoklassizistischen und neobarocken Elementen durchgesetzt hatte - unter Stalins Diktat.
Einfluss auf die deutsche Architektur in der beschimpften "Ostzone" hatte jedoch auch der Westen. Bereits am 21. Oktober 1949 stellte Bundeskanzler Konrad Adenauer aus Anlass des Inkrafttretens der Verfassung der DDR den Alleinvertretungsanspruch der BRD für das gesamte deutsche Volk, einschließlich des Gebietes der DDR. (Infos dazu bei wikipedia).
Das offizielle, legitime Deutschland lag also nun in den Westzonen. Verständlich, dass diese politische Entscheidung von der Pieck/ Grotewohl- Regierung und vielen Bürgern in Sachsen, Thüringen und Brandenburg als Provokation und ungerechtfertigte Entmündigung empfunden wurde (obwohl vielen bewusst war, dass die SED-Regierung nicht durch freie Wahlen an die Macht gekommen war).
Aus trotziger Angst vor drohender Teilung wurde nun verstärkt das als National Empfundene in der (ost-)deutschen Kunst und Kultur herausgestrichen.

Wenige Wochen vorher hatte am 27. Juli 1950 die Volkskammer der DDR die "16 Grundsätze des Städtebaus" beschlossen (unter Vorarbeit der Dresdner "Planungsgrundlagen", 1949/50 durch Kurt W. Leucht). Darin heißt es im Punkt 14: "Die zentrale Frage der Stadtplanung und der architektonischen Gestaltung der Stadt ist die Schaffung eines individuellen einmaligen Antlitzes der Stadt.
Die Architektur muss dem Inhalt nach demokratisch und der Form nach national sein. Die Architektur verwendet dabei die in den fortschrittlichen Traditionen der Vergangenheit verkörperte Erfahrung des Volkes." Bereits ab 1955 wurde dieses Leitbild schrittweise von der international orientierten DDR-Moderne mit Hang zu Abstraktion und strenger Geometrie abgelöst.


Deutsche Einheit

Natürlich spielten eine ganze Reihe politische Motive in der angestrebten Suche nach signifikanter deutscher Architektur eine Rolle. Im Stil der Propaganda des Kalten Krieges wurde von Seiten der DDR die "Spalterpolitik" Westdeutschlands heftig kritisiert, die sich politisch und kulturell einem "US-Imperialismus" und einer diktierten globalisierten Moderne unterordnete und die die eigenen Werte einer deutschen Kultur aus opportunistischer Anpassung aufgäbe. Scharf gegeißelt wurde der bloße Funktionalismus und die "Kastenmoderne" Amerikas, wobei in der Kritik ausgeblendet wurde, dass die Bauhausmoderne eigentlich eine der wenigen originären deutschen Bau-Erfindungen war und wenn man so will, auch eine Art "nationale Tradition" innerhalb eines internationalen Trends darstellt.
Ostdeutschland halte dagegen die wahre deutsche Kultur-tradition aufrecht und betreibe im Gegenzug von Adenauers Westintegration eine nationale Einheitspolitik (natürlich unter sowjet-sozialistischen Vorzeichen). Diese feindschaftliche innerdeutsche Auseinandersetzung um den klaffenden Riss Europas am "Eisernen Vorhang", die sich bis an die Grenze des heißen Krieges hochschaukelte, spiegelt sich als steingewordene Politik auch am Dresdner Altmarkt wider.



Altmarkt Süd- bzw. Nordseite

Im Herbst 1953 lobte das Ministerium für Aufbau in Berlin einen Wettbewerb zur Ausgestaltung der Südseite des Platzes aus. Einem Kollektiv des Lehrstuhls für Städtebau der Hochschule für Architektur in Weimar wurde der erste Preis unter zehn Bewerbern zuerkannt. Der pavillonartige Riegel, der den Zentralen Platz in einen nördlichen, ornamental aufgefassten Demonstrations- und baumumstandenen Sekundärplatz teilte, gelangte nicht zur Ausführung. Vom geplanten und geforderten Kulturhochhaus nach sowjetischem Vorbild wurde nach langwieriger Diskussion Abstand genommen.

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Ausgeblendet in der DDR-Propaganda ebenfalls: die traditionalistische Architektur, die es noch lange in den 50er Jahren in der alten Bundesrepublik gegeben hatte. Zu den Merkmalen dieser deutschen Nachkriegsarchitektur gehörten u.a.: Satteldach, Putzfassade und Gauben, zuweilen auch ein krönender Dachreiter. Hier im Bild: ehem. Ordnungsamt am Robert-Koch-Platz in der niedersächsischen modellhaften Aufbaustadt Wolfsburg, errichtet 1955.
(Aufnahme: 2005, T.Kantschew)



Literatur:

DDR-Bauzeitung: "Deutsche Architektur", 1. Jg. 1953, 1-3

Hier finden sich auch Beiträge über den Wettbewerb der Altmarktbebauung, an dem Schneider, Rascher, Rauda und Bärbig teilgenommen hatten.

"16 Grundsätze des Städtebaus" - Originalquelle vom Aufbaugesetz der Volkskammer von 1950

Ralf Koch: Leipzig und Dresden: Städte des Wiederaufbaus in Sachsen. Stadtplanung, Architektur, Architekten 1945- 1955. Diss. Uni Leipzig 1999

Jörg Kirchner: Traditionalismus in der Architektur der frühen DDR, Greifswald 2001, Text

Andreas Kriege-Steffen: Ein "altes" Bild der neuen Großstadt. Der Wettbewerb zur Gestaltung des Stadtzentrums in Dresden im Jahr 1952,
In: www.kunsttexte.de (3/2013)

Dissertationsprojekt 2013/14
Christian Klusemann: Architektur der nationalen Tradition der frühen 1950er Jahre in der DDR – Planungen und Bauten in den "Aufbaustädten" Dresden, Leipzig, Magdeburg und Rostock (Arbeitstitel), Philipps-Universität Marburg, Text



Hysterie und antiamerikanische, dumpfe Propaganda gegen die Moderne - Literatur aus Dresden:
Zeitquelle "Zeichen unseres Selbstbehauptungswillen":

"Die seelenlosen und kalten, nur vom Zweck oder der Konstruktion her erdachten Bauten des Formalismus sind letzter Ausdruck der Entmenschlichung des Lebens und der Kunst durch den Imperialismus. Heute nutzt der aggressive amerikanische Imperialismus diese Bauweise als Waffe zur Vernichtung der nationalen Existenz der Völker. (...)
Die neue Baukunst des sozialistischen Realismus ist voller Freude, Zuversicht und Stolz. Sie will sich nicht von den Errungenschaften der Vergangenheit lösen, sondern sie auf höherer Ebene fortsetzen. Um dies zu erreichen, blickt sie bewusst auf die Werke der nationalen Tradition zurück und entnimmt ihnen kritisch das Beste im Interesse der Erfüllung heutiger Aufgaben." (aus: Deutsche Baukunst in zehn Jahrhunderten, Dresden 1953, S. 15)


American Way of Life
Ironie der Geschichte: im sozialistischen "Haus Altmarkt", das mit einer Betonung von "deutscher Kunst und Kultur" polemisch gegen einen "amerikanischen Kultur- imperialismus" errichtet wurde, verkauft seit 1992 die US-Fastfoodkette "Mc Donalds" Hamburger und Cola.
Allerdings erinnert bereits die ehemalige swingende Bar von 1956 im selben Haus an kulturelle amerikanische Vorbilder. Die Bar (engl. ursprüngl: Schranke, Barriere, Hindernis) und der "Barkeeper" wurden schließlich nicht in der Sowjetunion erfunden.


Herbert Schneider
Chefarchitekt Dresdens von 1953 - 1962 in der Ägide von Stadtbaudirektor Liebscher. Schneider machte bereits 1946 mit einem z.T. modernen Aufbauplan für Dresden während der Ausstellung "Das neue Dresden" auf sich aufmerksam, bei dem z.B. die Prager Straße gänzlich neu interpretiert wurde und der Hauptbahnhof symmetrisch in der Verlängerung der Prager Straße komplett umgestaltet worden wäre.

Altmarkt "Cafe Prag" 1965
Ostseite Altmarkt von Herbert Schneider
Figurengruppen am Hauptportal von Otto RostCafe Altmarkt 1957: jetzt amerikanische Fastfood-Kette "Mc Donalds"Café im Haus Altmarkt 1958, umgebaut für McDonalds 1992Gaststätte Altmarktkeller 1957"Haus Altmarkt" Vestibül 1957
Innengestaltung Altmarkt Ostseite: Heinz Zimmermann und KollektivAltmark Westseite: Moccastube - mit Wandbild exotische Frauen - 1957Sandsteinskulptur von Ernst Grämer "Drogist"Säule am "Cafe Prag" aus Mosaiksteinen mit Kranichen
Glasmosaiksäule von Johannes BeutnerCafe Prag, Lichtarchitektur am Dresdner Altmarkt
Lichtarchitektur am Dresdner Altmarkt in den 50er Jahren. Architekt: J. Rascher. Hier: Tanzgaststätte Café Prag (Foto: Richard Peter, in: "Dresdener Notturno")

Triumphbogenartiger Durchgang zum Altmarkt, vom Herbert-Wehner Platz aus gesehen - Anfang 2005"Haus Altmarkt" Bar 1957
Ehemalige Bar im "Haus Altmarkt" von 1957


Hybride Hochhausträume: Entwurf für ein zentrales Partei- und Kulturhaus an der Nordseite des Altmarktes. Es wurde, Stalins Tod sei Dank, nicht verwirklicht. Der eklektizistische Turm von Herbert Schneider (1953) hätte, um die historische Überlegenheit des Sozialismus zu betonen, alle anderen Türme der Stadt überragt. Vorbild: Lomonossow-Universität in Moskau (1949 - 53) oder der Kulturpalast in Warschau.


Plan Altmarkt 1958, wieder als Aufmarschplatz und Propaganda-Instrument. Das Hochhaus wurde ein Kubus mit neben- und freistehenden Campanile. Der Neumarkt wäre ein überdimensioniertes Rechteck geworden. Vergrößerung.

 

 


Zeitkolorit: Propagandaschrift
Ruth Seydewitz: Das neue Dresden,
Berlin (Ost) 1961 (Kongress Verlag).
Die jüdische Autorin war die Ehefrau von Max Seydewitz, SED- Ministerpräsident vom Land Sachsen 1947- 1952.



Frauenfigurengruppe am Haus Altmarkt von Otto Rust

 

Johannes Rascher
Der 1904 als Sohn eines Baumeisters in Petersdorf im Riesengebirge geborene Architekt Johannes Rascher, Schüler 1926-29 von Wilhelm Kreis, hatte in Dresden bei Ludwig Wirth und später im Architekturbüro von Schilling & Gräbner als leitender Architekt gearbeitet.
Nach dem Krieg zunächst selbständig, leitete Rascher ab 1951 als Chefarchitekt das volkseigene VEB Bauplanung Sachsen eine der beiden großen Entwurfsabteilungen. M
it seinen Bauten am Dresdner Altmarkt hat er wohl seine bedeutendsten Spuren hinterlassen. Als Ergebnis eines Wettbewerbserfolges entstand die Gebäudeabfolge an der Westseite des Altmarktes in den Jahren 1953 bis 1958 in Zusammenarbeit mit Gerhard Guder, Wolfgang Müller und anderen. Diese Arbeit führte zur sehr persönlichen Auseinandersetzung Johannes Raschers mit der "Kulinatra-Doktrin", der damals aktuellen Baupolitik. Durch den Umbau einer Ausflugsgaststätte entstand 1946 durch seine Hand das erste wiederbespielbare kleine Theater im zerstörten Dresden, das heute noch genutzte Operettentheater. Foto
Der begnadete Zeichner Johannes Rascher gewann eine Reihe von Wettbewerben. Er realisierte Schulbauten, Industriebauten, Kulturbauten, mit Wolfgang Hänsch den städtebaulichen Entwurf für das Wohngebiet Dresden-Johannstadt sowie das Ferienhaus für Manfred von Ardenne auf der Insel Usedom. 1960 nahm er am Wettbewerb für das zentrale Hochhaus des Ministerrates in Berlin Mitte teil.
Nach seiner im Jahre 1961 erfolgten Übersiedlung nach Wiesbaden war Johannes Rascher bis ins hohe Alter beruflich tätig und baute Wohnhäuser, Klubhäuser und Sportanlagen. Gisela Raap, in: ZEITZEUGNISSE Architektur und Ingenieurbau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Sachsen.

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Aktueller Forschungsstand 2011:

Städtevergleich: Berlin - Warschau:


Das architektonische Erbe des Sozialismus in Warschau und Berlin – Marszałkowska Dzielnica Mieszkaniowa und Karl-Marx-Allee

Eine Gemeinschaftsausstellung des Denkmalamtes Warschau und des Hauses der Geschichte in Warschau in Verbindung mit dem Landesdenkmalamt Berlin und dem Deutschen Historischen Museum

Das sogenannte MDM-Viertel in Warschau (Marszałkowska Dzielnica Mieszkaniowa) und die Karl-Marx-Allee (ehemals Stalinallee) in Berlin gelten als städtebauliche Schlüsseldenkmale des Sozialistischen Realismus in Europa, wie er sich nach 1945 unter dem Diktat der sowjetischen Kunstdoktrin östlich des Eisernen Vorhangs allenthalben durchsetzen sollte.
Die Bauten sollten entsprechend der stalinistischen
Doktrin "sozialistisch im Inhalt, national in der Form" ausgerichtet sein und Wohnraum für die Arbeiterklasse bieten. Ihr Denkmalwert ist heute unbestritten.
Die früher im Kalten Krieg gelegentlich als "stalinistische Zuckerbäckerarchitektur" verspotteten Wohnbauten haben in Fachkreisen der Architekturgeschichte und Denkmalpflege längst Anerkennung als wichtige Strömung der europäischen Nachkriegsarchitektur erfahren.
Dank ihrer zentralen Innenstadtlage, der gehobenen Ausstattung und schmucken Ausgestaltung erfreuen sich diese Nachkriegsquartiere auch als Wohnadresse besonderer Beliebtheit. Die Ausstellung vergleicht die beiden meistbeachteten Wiederaufbauprojekte der 1950er-Jahre in der Volksrepublik Polen und in der DDR und diskutiert Möglichkeiten der Erhaltung und Erschließung dieser beiden Nachkriegsensembles als Teil des gemeinsamen europäischen Erbes.
(Text als pdf von www.stadtentwicklung.berlin.de) Ausstellung: 25. August bis 9. September 2011 im Zeughaus Berlin mit Katalog.


Umnutzung

Das "Haus Altmarkt" an der Ostseite des Platzes wird zu einem Hotel umgebaut.
Die "Berlinbau Verwaltung GmbH" kaufte bereits 2009 von der Gagfah die gesamte Ostseite des Altmarktes. Die Bauherren wollen 2013-14 in dem denkmalgeschützen "Haus Altmarkt" ein Hotel einrichten und die Wohnungen sanieren.
Die Arkaden sollen verglast werden.
Mehr Infos: www.immobilien-zeitung.de

Die PATRIZIA Investmentmanagement GmbH baut 2012-13 das ehemalige Kabarett "Café Prag" an der Westseite zu einer Markthalle um. Im Hofbereich wird ein Anbau in zeitgenössischer Architektur die Markthalle erweitern.
Mehr Infos auf: www.markthalle-cafe-prag.de

 

Wettbewerb Altmarkt: Entwurf Rascher (Stadtplanungsamt Dresden, Bildstelle)
Wettbewerb Dresden "Zentraler Bezirk" Johannes Rascher, Altmarkt Richtung Süden, Zeichnung in Bleitstift auf Transparent 1952 (Ausschnitt)- Vergrößerung
Nach diesem Entwurf Raschers wäre die Ostseite des Altmarktes etwa auf ihrer historischen Höhe gekommen. Der Altmarkt hätte dadurch ein halbwegs erträgliches menschliches Maß in seiner Ausdehnung erhalten.


Varieté "Cafe Prag" zeitgenössische Postkarte (Ausschnitt) - Vergrößerung, Innenansicht



Modell Gebäudeteil Ringcafé 1956, Foto: SLUB


Altmarkt Kolonnaden - Arkaden 1958, Foto: Deutsches Bundesarchiv