Ehem. Fleischverarbeitungsbetrieb der Konsumgenossenschaft "Vorwärts"
Gelungene Symbiose von Schönheit und Zweckdienlichkeit

 
Architekt: Kurt Bärbig
Großgarage: Karl Schmidt
Bauzeit: 1927 - 30
Leerstand: seit 1991
Adresse:. Fabrikstraße 13


"Das durch einen Tunnel mit einer Wagenhalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite verbundene Produktionsgebäude ist als erster Teil eines wegen der Weltwirtschaftskrise nicht vervollständigten Komplexes zur Nahrungsmittelproduktion (Bäckerei, Brauerei, Brennerei) ausgeführt worden. Das Gebäude besteht aus zwei sechsgeschossigen, im stumpfen Winkel zueinander angeordneten Flügeln und einem achtgeschossigen Turm. Den mit Laderampen versehenen, konvex geformten Hofseiten liegen eine gerade und eine sich dem konkaven Straßenverlauf anpassende Front gegenüber. Die durch Gesimse gerahmten Fensterbänder werden straßenseitig an einem fünfgeschossigen Treppenhaus herumgeführt, das die Straßenfront über den durch die beiden Flügel gebildeten Scheitelpunkt hinaus verlängert. Die nach neusachlichen Prinzipien gestaltete Anlage ist ein mit roten Klinkern verkleideter Stahlskelettbau. Sie wurde nach Kriegsschäden verändert und 1995 entkernt."
(Architekturführer Dresden 1997)

Typisch für die Zwanziger Jahre ist zudem die Lichtarchitektur in Form des damals nachts von innen beleuchteten sechseckige Glasturms - als markante Firmenwerbung im Stadtraum. Er ist als Schutz vor Vandalismus mit Holz verkleidet.
Das Gebäude wurde bereits 1978 unter Denkmalschutz gestellt.


Leerstand seit 1991

Während die Wagenhalle als Go-Kart-Bahn genutzt wird, steht das Hauptgebäude seit 1991 leer! Die Stadt Dresden sucht nach einem Investor. Die hohen Denkmalschutz-auflagen haben aber möglicherweise bisher ernsthafte Interessenten abgeschreckt. Dennoch ist dringend Handlungsbedarf, denn die gefährdete Industriearchitektur verfällt mit jedem Jahr Leerstand mehr. 2012 schlägt in seiner Diplomarbeit Thomas Baumann die Umnutzung zu einem Technologie- und Gründerzentrum in Verbindung mit Instituten der TU Dresden vor. Mehr Infos zu diesem TGZ (pdf).


Material: Roter Klinker

Sandstein, Werkstein, Putz sind als typische Fassadenmaterialien in Sachsen bekannt. Backstein, Ziegel, Klinker verbindet man mit Norddeutschland, Hansestädten wie Lübeck oder Hamburg. Doch existieren in den sächsischen Großstädten Dresden, Leipzig und Chemnitz zahlreiche bemerkenswerte Bauten, Ensembles und Siedlungen der ersten Jahrzehnte des 20.Jahrhunderts, die durch das Material Klinker mit seinen vielfältigen Ocker-, Rot-, Braunnuancen geprägt sind - ein Baumaterial was durchaus weiter zukunftsfähige Chancen hat.


Vorbild: Erich Mendelsohn

"Als Ergebnis eines Architekturwettbewerbes wurde in Dresden Löbtau der Neubau einer Fleischwarenfabrik errichtet. Als Teilnahmer waren auch der Bauhaus-Direktor Walter Gropius und das erfolgreiche Dresdner Büro Schilling und Gräbner angetreten. (...)
Durch die Konsequenz, mit der Bärbig die große Form der Fabrik durchgestaltete, nähert er sich deutlich den Idealen dynamischer Architektur, zu deren Protagonisten in diesen Jahren Erich Mendelsohn gehörte. Bärbig nimmt mit grundlegenden Elementen dynamischen Funktionalismus Bezug auf Mendelsohns Stuttgarter Kaufhaus Schocken.
Der weitgehend unbekannt gebliebene Architekt ist somit Autor eines für die zwanziger Jahre typischen und in der sächsischen Metropole ungewohnt konsequenten Fabrikgebäudes." (Tilo Richter, Industriearchitektur in Dresden, 1997)

Anfang 2003 wurde die bis dato leerstehende flache "Kurt-Bärbig-Halle" schonend saniert. Eingezogen ist die Go-Kart-Bahn ´Motor-Factory | Kart- und Erlebniswelt´.
Das sechsstöckige Haupthaus dagegen ist fast komplett ohne Nutzung und verfällt, wie so viele Gebäude der Moderne in Dresden.


Kurt Bärbig: Betriebszentrale Konsumverein Dresden, Wettbewerb 1. Preis, Gesamtanlage. Nur der erste Bauabschnitt an der Fabrikstraße mit dem geschwungenen Gebäudeflügel ist -leicht verändert- realisiert. (Bildquelle: Kurt Bärbig. Zum 100. Geburtstag des Städtebauers und Landschaftsarchitekten. in: Architektur der DDR 6 / 1989.)


Die Rote Moderne
Der Verlag Werkbund organisierte im Jahr 2000 eine Ausstellung zu Klinkerbauten der Moderne in Sachsen.


Lesetipp:

Martin Richard Möbius: Kurt Bärbig, Berlin, Leipzig, Wien; 1930

Möbius in seinem Vorwort zu Bärbig:
"Ohne modern sein zu wollen, wurde er es wahrhaftig und zuverlässig, indem er den alten Baugedanken neu erlebte und ohne stilistische Zwangsläufigkeit früherer Epochen aufrichtig entwickelte. Nirgends überschreitet er das zweckvoll und organisch entstandene Gehäuse, nirgends bemüht er sich um Schönheit und Stil, beides ist immer von selbst als natürliche Begleiterscheinung da. Schon aus dem Gelände heraus sieht sich Bärbig zu einer Bildung des Raumes gedrängt, die der Natur folgt, sie plastisch weiterführt oder ergänzt, von hier aus erscheint ihm der Baugedanke festgelegt und zur möglichen Vollendung bestimmt."

"Industriebauten der Moderne -KONSUM-Fleischverarbeitungsfabrik Dresden", Diplomarbeit an der TU Dresden von Lars-Uwe Richter 2004
"Zu den herausragenden Industriedenkmalen der Moderne in Dresden zählt die 1927 bis 1930 erbaute KONSUM-Fleischverarbeitungsfabrik von Kurt Bärbig. Das Gebäude ist geprägt durch seine betont sachlichen und innovativen Bau- und Konstruktionsformen. Inhalt der Diplomarbeit ist die baukonstruktive Analyse und Dokumentation dieses Einzeldenkmals als eine vorbereitende Untersuchung zu dessen fachgerechter Instandsetzung. Die bauliche Struktur wird mit typischen konstruktiven Konzepten der Moderne verglichen. Das tragende Skelett und die Gebäudehülle werden in ihrem Zustand und den daraus resultierenden Auswirkungen auf künftige Nutzungen beurteilt."


Aktuelle Fotos vom Inneren des Gebäudes auf:
www.lumabytes.com/suche/ (Konsumgenossenschaft)
Architekturfotografie - modern ruins archiv



Das unter Denkmalschutz stehende Hauptportal der ehemaligen Hauptbetriebsanlage des Konsumvereins „Vorwärts“ auf der Rosenstraße vom Architekten Kurt Bärbig wurde Ende der 1990er illegal abgerissen. Heute befindet sich dort nun die zweispurige Betoneinfahrt einer Filiale des Veolia Umweltservice. Foto: Ray van Zeschau


Kurt Bärbig
1889 - 1968

1923 wurde er als einziger Dresdner Architekt in die Deutsche Akademie für Städtebau berufen. Bärbigs progressive, von sozialen Aspekten geprägte Städte- und Landschaftsgestaltung huldigt dem damaligen Zeitgeist von Sachlichkeit, Materialbezogenheit und dem Bemühen um "gestaltete Zeit". Der 1889 in Dresden geborene Architekt emigrierte 1934 nach Brasilien und kam nach 1945 in die zerstörte Stadt der kommunistischen Zone Deutschlands zurück. 1952 war er Leiter der freischaffenden Architekten beim Wettbewerb um die Neugestaltung Dresdens. Neben Schneider und Rascher hatte sich z.B. auch Bärbig am Wettbewerb für den neuen Altmarkt beteiligt, wurde jedoch gleich im ersten Anlauf ausgeschieden.


weitere biographische Eckdaten:

Zimmermannslehre und Besuch der Städtischen Gewerbeschule Dresden.
Studium: 1906-10 Staatsbauschule Dresden.
1910-12 TH Dresden, Städtebau bei Cornelius Gurlitt (gleichzeitig Bauführer bei dem Architekten Rudolf Kolbe in Dresden-Loschwitz).
1912-16 ABK Dresden, Meisteratelier für Baukunst bei German Bestelmeyer (1912 Kompositionspreis der Akademie; 1916 Silbermedaille des Ateliers).
1913 Gründung eines Architekturbüros mit 16 Mitarbeitern in Dresden.
Nach Kriegsdienst 1917/18 verstärkte sozial engagierte Arbeiten im Kleinwohnungsbau.

Konsumgebäude "Vorwärts" 1934 Foto: April 04
Leider steht der bedeutende Bau auch 20011 leer. Foto: April 04
Keine neue Nutzung für leerstehende signifikante Gebäude der Moderne?
Die rote Moderne
Innenhof
Hof der Konsumgenossenschaft. Unterirdische Anlieferung (Einfahrt)


Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt die Großgarage, ein zweigeschossiger Eisenbeton-Skelettbau als Dachbinderhalle mit Oberlicht für 100 Großlastwagen. Sie wurde von Karl Schmidt 1930 errichtet. Hier die Ein -und Ausfahrtsrampe (Foto: 2005)
Seit 2003 wird die Halle als Go-Kart-Bahn ´Motor-Factory | Kart- und Erlebniswelt´ genutzt.


Treppenhaus, Foto: S. Baumgärtel 2016


Zurück gesetztes Dachgeschoss mit Terrasse, Foto: S. Baumgärtel 2016


Betonkonstruktion, Foto: S. Baumgärtel 2016, groß



Fabriketage, Foto: S. Baumgärtel 2016, groß


Blick zum Treppenhaus, Foto: S. Baumgärtel 2016, groß

1918-33 im Vorstand des Bundes Deutscher Architekten. br> 1921 Gottfried-Semper-Preis der Stadt Dresden;
1922 Dr.-Roscher-Preis der Sächsischen Staatsregierung
        (mit Stipendium für schriftstellerische Arbeiten);

1926 Volkshaus Cotta in Dresden West (Hebbelstraße)
1929 Erstes deutsches Jugenderholungsheim
        ("Endlerkuppe") in Ottendorf

1934-39 Emigration nach Brasilien. Dort vorwiegend mit
        Malerei beschäftigt.
1945 u.a. Mitglied des 1. Trümmerkomitees und
        Mitbegründer des neuen Bundes Deutscher
        Architekten.
1946 Lehrstuhl für Baukunst an der ABK Dresden.
1956-58 Institutsgebäude für Landtechnik Dresden
        zweigeschossiges Lehrgebäude mit Kopfbau
        (dort Hörsaal und neoklassizistischer Haupteingang)
1964 Schinkel-Medaille u.a.

 




Jugenderholungsheim Endlerkuppe


Fabriketage, Foto: S. Baumgärtel 2016, groß


Hofansicht, Foto: S. Baumgärtel 2016, groß

Kurt Bärbig: Jugenderholungsheim Ottendorf bei Sebnitz (Sächsische Schweiz) Foto: 1932, (später: BDM - Lager, SED-Parteischule, Treuhandeigentum, seit 1990 leer stehend!)


Klassische Symmetrie: Jugenderholungsheim Ottendorf bei Sebnitz 1927br>
Zum Jugenderholungsheim Endlerkuppe in Ottendorf




Jugenderholungsheim - Nov. 2009

Die U-förmige Anlage erinnert an Tessenow's Festspielhaus in Hellerau.

Aussichtsturm mit Terrasse

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zum Vergleich: Konsumzentrale in Leipzig Plagwitz, 1929-33
von Fritz Höger gebaut, 2003 umfangreich saniert. (Aufn. April 2005)
(oben Hofbereich, unten Eingangshalle und Treppenhaus)




Zum Leipziger Sanierungskonzept gehörte auch das gesamte Umfeld des Industrieareals von Plagwitz. Im Rahmen der Expo 2000 (dezentrale Objekte) wurden die ehemaligen Gleisanlagen zu differenzierten Garten- und Freiräumen umgestaltet. Ein Beispiel, das im ehemaligen Dresdner Industrieviertel Löbtau Schule machen könnte. Allerdings existiert im Nachbargrundstück der stillgelegten Dresdner Konstumzentrale immer noch ein metallverarbeitender Betrieb.