Apostelkirche Trachau
Gemeindezentrum mit expressionistischen Einsprenkseln

 

Architekt:   Oswin Hempel
Plastiken:   Stephan Hirzel, Kurt Dämmig
Bauzeit: _  1927-29
Adresse:
.   Kopernikusstraße 40


1908 spaltete sich die Apostelgemeinde von der Kaditzer Kirche als eigenständige Gemeinde ab. Durch den I. Welt-krieg kam es jedoch erst in den 1920er Jahren zu einem eigenen Gemeindezentrum. Die im ersten Blick relativ traditionell anmutende Kirche ist insofern interessant, weil sie am Ende der Kopernikusstraße zur gleichen Zeit wie die Großsiedlung Trachau errichtet wurde. In der gleichen Straße prallen am Ende der 20er Jahre das revolutionäre "Neue Bauen" und das auf mildere Art reformierende spätexpressive Bauen aufeinander. Die neue Sachlichkeit mit ihrem radikalen Verzicht auf historische Bauformen und vor allem auf schmückendes Beiwerk ist bei diesem Kirchenbau noch nicht durchgedrungen. Obwohl in den Formen klar und zurückhaltend, ohne historisierende Geschmacklosigkeiten, bekennt sich der Ziegel-Putzbau durchaus zu Tradition und visueller Symbolik: Bräunlich gebrannte Tonziegel decken z.B. ein traditonelles Satteldach. Die Stirnseite ist ausgeglichen gegliedert in differenzierte Fensteröffnungen.


Bildkünstlerischer Schmuck

Über dem Gemeindehauseingang sind zwölf Apostelfiguren in gebranntem Ton dargestellt: Johannes, Petrus, Paulus und Jakobus als Vollfiguren ,darüber die weitern acht als Büstenreliefs.
Auffällig ist ebenso die nicht-konservative Gestaltung der Gemeindehausfenster in vertikaler Ausrichtung, unterteilt in drei bereits in dem hohen Satteldach als Dachgauben beginnenden schmalen Risaliten. Auch hier wieder ein wohlproportionierter maßvoller Wechsel von Putzfläche, Ziegelmauerwerk und Glas, der Lebendigkeit in die Fassade bringt.
Die Ecke des L-förmigen Baukörpers ist durch einen Turm betont, der wiederum in einer dreieckigen Spitze endet.
Die Eingangssituation am Fuße des Turmes wiederholt die Dreiteilung der Risalite wie deren innere Gliederung durch drei gleich breite Felder. Dekorativ ebenso: die im Turm befindliche Trau- und Taufkapelle enthält an den Wänden Sgrafittogemälde von Prof. Hans Nadler (siehe Bild unten), dem Vater des im Oktober 05 verstorbenen Denkmalpflegers Hans Nadler.

Im Inneren des Gemeindehauses ist das hölzerne Mobilar und die an einen Schiffsbauch erinnernde Holzwand- verkleidung fast komplett im Original erhalten.
Die dominierende Farbe ist Grün.

Der Architekt Prof. Oswin Hempel schrieb anlässlich der Weihe: "Die Apostelgemeinde in Dresden- Trachau hatte sich seit 1908 mit äußerst provisorischen Räumlichkeiten behelfen müssen. ... Als nunmehr mit vieler Mühe die Mittel für ein eigenes Haus beisammen waren, verzichtete man auf die Errichtung einer Kirche, das heißt eines reinen Kultbaus.
Die Bedürfnisse der Gemeinde erforderten vielmehr in erster Linie die Erfüllung ganz realer Notwendigkeiten." So war daher auch keine Kirche in hergebrachter Weise entstanden, sondern ein "Gemeindehaus", dessen Räumlichkeiten "bis in die Dachstühle hinauf praktisch ausgenutzt" werden können.

Im Dehio - Handbuch heißt es:
"Zu der längsgerichteten einschiffigen Kirche steht versetzt das Pfarrhaus, beide miteinander über einen quergelagerten Bau mit hohem kräftigen Turm und Portalanlage verbunden; Sattelächer. Die einzelnen Baukörper - z.T. mit romanisierenden und gotisierenden Formen, verputzt, mit Klinkergliederungen; künstlerisch beachtliche Gestaltung im Winkel von Schiff und Portalarchitektur.
Das breite, helle Kirchenschiff vierjochig mit offenem Dachstuhl über drei eingezogenen, spitzbogige geführten Stützen. Der Altarraum als querrechteckige Nische gestaltet ..."


Apostelkirche - Rückseite (Aufn. Dez. 2005)

Webseite:
www.apostelkirche-dresden.de



Der Architekt Oswin Hempel

(1876 - 1965)

Schüler von Paul Wallot und Karl Weißbach.
In München absolvierte Hempel ab 1901 ein Malereistudium und war ab 1903 in Dresden Mitarbeiter der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst. Ab 1907 lehrte Hempel als außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Dresden und übernahm dort 1920 die Professur für Freihand-, Ornament- und Figurenzeichen von Fritz Schumacher. Er wirkte bis 1945 als Professor an der Hochschule.
Oswin Hempel war Mitglied im Deutschen Werkbund (DWB) und im Bund Deutscher Architekten (BDA).

Neben der Apostelkirche schuf er in Dresden den Kirchensaal des Diakonissenhauses, die Innenausstattungen der Restaurants Bärenschänke, Gambrinus, Trompeterschlösschen und die Architektur zum Schillerdenkmal 1913 am Albertplatz.


Der Architekt war aber auch in der NS-Zeit tätig und verwirklichte u.a. einen Auftrag für den nationalsozialistischen Gauleiter Mutschmann. Für dessen Neues Jagdhaus in Grillenburg / Tharandt hat er die Innenausstattung konzipiert.

Auch in den Jahren der Wiederaufbauzeit hat sich Oswin Hempel für Dresden engagiert. 1957 machte er einen Vorschlag zur Bebauung des Neumarktes. Infos dazu

Komplettes Werkverzeichnis:
http://deu.archinform.net/

Oswin Hempel wird sowohl zu den Architekten der Reformbaukunst gezählt, als auch zu den Architekten der sogenannten "Neuen Tradition". Ein TU-Forschungsprojekt sichtet Bauten der 1930/40er Jahre.



Apostelkirche 2005
Klar gegliederte Fassade mit drei leicht herausstehenden Blöcken, die im Dach als Gauben abschließen. Geschickt ! big

Eingangsbereich - wieder mit der Gliederung in drei Felder (Fenster)
Details Fenster mit Aposteln Inneres der Apostelkirche 1961
Inneres der Apostelkirche 1961 Taufkapelle mit Fresken von Hans Nadler, Aufn. 1956
Taufkapelle mit Fresken von Hans Nadler, Aufn. 1956
Treppenhaus von außen (Rückseite)