Schauspielhaus Dresden
"Ältestes bewahrt mit Treue – freundlich aufgefaßtes Neue" (Goethe)

 
Architekten: Franz Ehrlich - Vorentwurf - Leiter eines Entwurfskollektivs

Ausführungsentwurf: Emil Leibold
(Leiter des Entwurfsamtes, Baurat)

Bauleitung: Arch.
Bruno Höppner

Entwurfsamt vom Rat der Stadt Dresden
Bauzeit:   1945 - 48
Adresse: Ostra-Allee/ Postplatz
Rekonstruktion: 1995 - 96
Architekten:   Wolfgang Hänsch (Innenraumgestaltung
Saal) / Braun-Schlockermann (Planung + Bauleitung)



Am 13. Februar 1945 erfährt das Haus das gleiche Schicksal wie unzählige Gebäude der Dresdner Innenstadt; Zuschauerraum und Bühnenhaus brennen völlig aus, nur die Untermaschinerie bleibt weitgehend unversehrt.

Mit dem Wiederaufbau des Schauspielhauses wird trotz der enormen Zerstörungen keinen Moment gezögert. Schon im Mai 1945 räumen Künstler und ehemalige Mitarbeiter Schutt an der Ostra-Allee, im Dezember 1945 beginnen die Planungen und bereits am 1. März 1946 wird Richtfest gefeiert. Der Architekt Emil Leibold steht vor einer schwierigen Aufgabe: Das Haus soll fortan dem Schauspiel, der Oper, dem Ballett und Konzerten dienen. Gleichzeitig geben erhaltene Eisenbetonkonstruktionen die bisherige Struktur des Innenraumes vor. Es entsteht ein aus der Not der Zeit geborener Raum, dessen moderne Einfachheit den Anforderungen eines Mehrspartenhauses weitgehend gerecht wird. Am 22. September 1948 steht zur Wiedereröffnung des »Großen Hauses des Staatstheaters Dresden« Beethovens »Fidelio« auf dem Programm. Erste Schauspielpremiere im Großen Haus, das nun über 1131 Plätze verfügt, ist die Uraufführung von Ferdinand Bruckners »Simon Bolivar«. Zu den Eröffnungsvorstellungen gehört auch eine Tanz-Matinee von Gret Palucca. (Text: www.staatsschauspiel-dresden.de)

Die bis dahin in der Neustadt genutzte "Tonhalle" fand zur besseren Unterscheidung ab 1948 die Bezeichnung
"Kleines Haus".


In dem Eröffnungsfestband 1948 hieß es "Man war sich darüber im klaren, daß eine Wiederherstellung des früherern Zustandes weder möglich noch wünschenswert sei."
Dem unfaßbaren Schock der Zerstörung der Stadt durchaus angemessen: ein schlichter, dennoch würdevoller und heiterer Theaterraum. Die geschwungenen drei Ränge der Lossow-Kühne Innenausstattung wurden beibehalten, jedoch mit einer ganz neuen Einfachheit uminterpretiert. Statt reicher Ausschmückung für ein repräsentationsbestrebtes Großbürgertum eine ruhige Farbgestaltung in einem lichten Ockerton an den Wandflächen und einem spannendreichen "Hintereinanderschieben und Durchdringen von Flächen und Wänden" (F.Ehrlich).
An den Saalwänden hatte die Textur näpfchenartiger Vertiefungen eine zeittypische Formensprache und diente darüber hinaus besserer Akustik. Dazu passend: die Gestaltung der Rangbrüstungen mit durchlaufenden, vertikalen gestäbten Stuck. Lutz Schöbe betonte 1983 besonders die neue Gestaltung der "Ränge, deren Brüstungsbänder im rhythmischen Schwung gleichsam im Raum zu schweben schienen" und eben jene "starke Plastizität der Rangstaffelung".

Auch das verbreiterte Bühnenportal hatte in seiner reduzierten Einfachheit eine ruhige Wirkung, die die Konzentration der Theaterzuschauer voll auf die Schauspieler und Sänger lenkte. Die beiden Proszeniumslogen entfielen.
Vor der Bühne wurde, der Funktion eines Mehrspartentheaters zufolge, der Orchestergraben wesentlich vergrößert.

Auf eine neue Art Kronenleuchter als zentrale Saalbelichtung wurde verzichtet. Stattdessen schufen die Architekten unter einer neu eingezogenen Holzdecke eine konvex geschwungene Lichtfläche, bestehend aus kasettenartigen quadratischen Lichtfeldern aus gebogenen Neonröhren.
Siehe: Detailfoto der geschwungenen Holzdecke 1993 (Dt. Fotothek)

Um den demokratischen Charakter des neuen Saales (und damit stellvertretend auch die (theoretisch) erklärten Ziele einer neuen Gesellschaftsordnung) zu betonen, verzichteten die Architekten auf die Wiederherstellung von Logen. Lediglich eine mittig-zentral gelegene Saaltür ließ prominente Theaterbesucher in dem Zuschauerrund Platz nehmen. Der ehemals hinter einer Kolonnade "verborgene" dritte Rang wurde freigestellt.

Auch der Erfrischungsraum im ersten Rang wurde in ähnlich bescheiden-zurückhaltender Gestaltung neu interpretiert (siehe Foto unten).


"Eine seelische Schwingung auslösen"

Die prächtig gebundene Festschrift lobte 1948:
"Eine ruhige Linienführung der Ränge in ihrem weiten Schwung läßt Gediegenheit erkennen"; "Charakter unaufdringlicher Gepflegtheit"; "Durch alle diese neue Gegebenheiten aber wird das Theater zu dem, was es von Haus sein soll: eine Stätte der Kultur, bei der auch das äußere Bild eine innere seelische Schwingung auslöst."

Theater: mitfinanziert von den Dresdnern

Die Dresdner finanzierten einen gewissen Teil ihres neuen Theaters selbst. 320 000 Mark kamen in diesen Notzeiten in einer Lotterie zum Wiederaufbau des Schauspielhauses zusammen. Die Hauptkosten vom Gesamtbetrag 6 Millionen Mark trug allerdings die Stadt.
Tatkräftige Kulturschaffende hatten sich im Übrigen über Skeptiker hinweggesetzt: "Es hatte genug Zweifler gegeben. Sie bestritten überhaupt die Möglichkeit eines Wiederaufbaus des Hauses."

Rezeption

Heinrich Magirius: "Der Wiederaufbau des Schauspiel-
hauses als "Großes Haus" der Staatstheater Dresden muß als Aufbauleistung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gewürdigt werden. Aber nicht nur das: Die formale Durchgestaltung der Bauaufgabe eines in der alten Hülle zu schaffenden Mehrspartentheaters enthielt sich aller historisierender Attitüden und versuchte, aus den Gegebenheiten der Funktionen zu sprechen." (1996)

Zum 100. jährigen Jubiläum des Dresdner Schauspielhauses 2013 würdigte auch der Leipziger Architekturkritiker Dieter Bartetzko die "moderne Pionierleistung" der neuen Innenraumgestaltung von 1948 und die "Formengestaltung einer dynamisch-spielerischen Moderne" mit Einflüssen der großen Kinopaläste aus den 1920er Jahren von Mendelsohn und Poelzig.


Der Architekt Franz Ehrlich (1907 - 1984)

Was in dem Festband zur Wiedereröffnung des Schauspielhauses 1948 nicht stand war der Name des stark beteiligten Architekten: Franz Ehrlich.
Der Bauhaus-Architekt und spätere Kommunist war während der NS-Zeit bis 1939 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert, hatte allerdings auch als Zivilangestellter der SS im Baubüro Buchenwald für die "Führersiedlung II" gearbeitet.
Während der Bauarbeiten 1946-47 für das Dresdner Schauspielhaus kam es zu Streitigkeiten über seine Kompetenz als Theaterarchitekt mit Stadtbaudirektor Rummrich. Auch seine eigenmächtige  Materialbeschaffung zum Wiederaufbau des Theaters ohne direkten Auftrag der Theaterleitung stieß auf Irritation, brachte aber die nötige Dynamik zur Ausführung. (1) Nach nur 2 ½ Jahren Bauzeit konnte unter schwierigster Materiallage das Projekt der Öffentlichkeit übergeben werden.

Die Fertigstellung des Baus erfolgte 1948 ohne die Mitwirkung von Franz Ehrlich.

Noch während der Bauzeit trat Ehrlich Ende 1947 als Referent für Wiederaufbau Dresdens beim Oberbürgermeister Weidauer zurück und gründete sein eigenes Architekturbüro. Weidauer verweigerte ihm allerdings die Erstattung der getätigten Auslagen für die Planungen zum Wiederaufbau des "Großen Hauses" von 6500 Reichsmark. (2)

Einige seiner Entwürfe für den modernen Wiederaufbau des Dresdner Schauspielhauses bewahrt das Bauhaus-Archiv Dessau auf. Online kann man die Entwürfe von Ehrlich, Leibold und Höppner einsehen: https://dam.bauhaus-dessau.de

Seine Architektur-, Möbel- und Städtebauentwürfe wie seine Arbeiten als Designer sind stark vom Dessauer Bauhaus geprägt, an dem er von 1927 bis 1930 studiert und gearbeitet hatte.

Franz Ehrlich wohnte mit seiner Frau in Dresden, auch nach seinem Umzug nach Berlin als Zweitwohnung, im Loschwitzer Haus Weinleite 6. Mit dem Intendanten des Staatstheaters Dresden führte er im August 1966 einen Urheberstreit per Korrespondenz mit diesem Absender. (3)

 

Zeichnung 1946

Blick in den Saal zur Eröffnung des wiederaufgebauten Schauspielhauses 1948 Saaldecke, kasettenartiges LichtfeldNeue hölzerne Kasettendecke im Zuschauerraum - hergestellt durch die Firma Mägele (einschließlich Haltekonstruktion)
3. Rang
Zuschauerraum vor der Rekonstruktion 1995, darüber Foto: 3. Rang (1948)


Der Pausensaal 1948 - mit formschönen Glaskronenleuchtern: sachlich und einfach.



Entwurf Zuschauersaal Schauspielhaus Dresden von Franz Ehrlich, ohne ang. Jahr, vermutlich 1946, Stiftung Bauhaus Dessau (I 47128) / © (Ehrlich, Franz) Erbengemeinschaft nach Franz Ehrlich, Vergrößerung



Am Beginn der Innenraumkonzeption 1946 standen eher Überlegungen im Raum, das Schauspielhaus annähernd im Vorkriegszustand wieder aufzubauen, ohne einen Kostenrahmen dafür aufzustellen und mit einem utopischen Fertigstellungstermin von November 1946. (4) Daraufhin intervenierte der neue Referent für Wiederbau Franz Ehrlich und bildete eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus:

Franz Ehrlich (Referent für Wiederaufbau Dresden)
Leiter des Dresdner Entwurfsamtes Emil Leibold
Bühnenbildner der Dresdner Bühnen Franz von Appen
Innenarchitektin und Möbel-Designerin Liv Falckenberg   Infos auf Wikipedia
Professor Max Hasait (1874–1951): deutscher Ingenieur, Erfinder und technischer Direktor der Semperoper Dresden (1903–1928)

Bald jedoch entstanden starke Rivalitäten mit dem damaligen Dresdner Stadtbaudirektor Rummrich.
Der Chef des Dezernat Bauwesen Rummrich wollte an einer Wiederherstellung des alten Zustandes vom Schauspielhaus - unter Beibehaltung der Logen festhalten. (5)

Es fanden Ende 1946 und Anfang 1947 diverse Sitzungen statt mit dem Oberbürgermeister Dresdens Gustav Leissner, mit dem Generalintendant Erich Ponto sowie den SED-Genossen Weidauer, Gute, Rentzsch und Henneberg, in denen Ehrlichs Entwurfsplan zunächst nicht bestätigt wurde.
SED-Genosse Henneberg „protestierte in einer Sitzung vom 22.1.1947 gegen das beabsichtige Herausreißen der Logen. In der Beseitigung der Logen liegt aber der Kern der Gesamt-Neugestaltung des Theaters“ – schrieb Ehrlich am 24.11.1947. Die Logen müssten schon aus akustischen Gründen verschwinden. „Zweitens geht es darum, aus dem ehemaligen Hoftheater mit den königlichen Logen die Voraussetzung eines Volkstheaters zu schaffen.“ Nach der ergebnislosen Sitzung erklärte Ehrlich (mit der Kraft der Funktion als Wiederaufbaureferent), „dass ich nunmehr, ohne dass ich einen offiziellen Auftrag habe, das Haus in dem von mir entwickelten Sinne ausführen werde“. (6)
Der Streit um die Logen war etwas an den Haaren herbeigezogen. Der alte Saal des Schaupielhauses Dresden von Lossow und Kühne hatte lediglich im 1. Rang acht Logen, ansonsten fast überall durchgehende Sitzreihen, sieht man von den beiden seitlichen Prozeseniumlogen ab. Selbst die Königsloge war außer einer kleine Wölbung des Ranges nicht als solche separat ausgestaltet. (Siehe Dt. Fotothek)

Die Arbeitsgemeinschaft, so Ehrlich in einem Brief vom 23.1.1947, wollte „mit voller Absicht auf alle üblichen Mittel der Theaterraumgestaltung bewusst verzichten.“  (7)

Unter Führung von Ehrlich entwickelte sich in dieser Gruppe dann eine Konzeption, die eben nicht nahtlos an das bürgerliche Repräsentationstheater des Königreiches Sachsens anknüpfen wollte. Wichtig war: Verzicht auf Logen, keine prachtvolle Stuckdecke, kein zentraler Kronenleuchter und eine Überwindung akustischer Defizite mit schlechter Hörsamkeit und Echowirkung. Stattdessen wollte man aus dem vorhandenen Gerüst aus Eisenbeton etwas Neues, Demokratisches schaffen, einen neuen Zuschauerraum, der unserem neuen Raumgefühl entspricht, so Ehrlich am 24.11.1947 im Scheiben "Der Neubau des Schauspielhauses Dresden". (8)


Neuer Zuschauersaal-Schauspielhaus Dresden. Gezeichnet von Emil Leibold, ca. Anfang 1946
Raumstudie Neuer Zuschauersaal Schauspielhaus Dresden. Gezeichnet von Emil Leibold, 1946, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 32077 G) / Image by Google, Vergrößerung


Zur Urheberschaft von Franz Ehrlich eine Einschätzung von Kurt Liebermann, SED-Kreisvorstand Dresden, 1949:

"So war er  (Franz Ehrlich)  während seiner Tätigkeit bei der Stadt Dresden auch für die Entwicklung der Entwürfe zum Wiederaufbau des Dresdner Schauspielhauses herangezogen worden. Er konnte zwar durch das Ausscheiden bei der Stadt den gewonnenen Einfluss auf diese Arbeiten nicht bis zuletzt geltend machen, aber es zeigt sich heute, dass alle die Veränderungen im Schauspielhaus, die als fortschrittlich zu gelten haben und technisch einwandfrei sind, aus seinen Entwürfen und Gedanken kommen, während alles das, was heute noch zu beanstanden ist, gegen die direkten Anweisungen von Franz Ehrlich ausgeführt worden sind.
Es gehört zu den großen Ungerechtigkeiten, die sich aus dem Konflikt Weidauer/Ehrlich ergeben, dass bei der Eröffnung des Schauspielhauses dem nunmerigen "Großen Haus" der Staatstheater, den Name des Gen. Ehrlich nicht genannt wurde und dass alle Versuche, ihn in dieser Sache zu rehabilitieren, bisher scheiterten.
" (9)



  Architekt Emil Leibold

Biografische Eckdaten bei https://stadt-raum-geschichte.de   (1905- 1996)


Studium 1924 - 1926 an der Bauschule Offenbach
Ab 1935 Mitarbeiter von Georg Sagebiel in Dresden
1940 Tätigkeit im Baubüro des Luftgaus Brüssel, 1944: Mitarbeit bei Georg Sagebiel in Berlin
1945 Architekturbüro mit Ritzscher in Dresden
1950 Übernahme des volkseigenen Entwurfsbüros Sachsen
1951 Mitarbeiter in der Meisterwerkstatt I der Deutschen Bauakademie Berlin
       (Hermann Henselmann)
1953 Übernahme der Architekturwerkstatt beim Magistrat von Berlin
1956- 1967 leitender Projektant beim VEB Wohnungskombinat Berlin

Bauten (Auswahl)

- Wiederaufbau Schauspielhaus - gemeinsam mit Franz Ehrlich, der den Hauptentwurf lieferte
- Hotel Astoria Dresden Strehlen 1946- 1949
- Neubau Musikhochschule "Carl Maria von Weber" an der Blochmannstraße 2-4 von 1950/51
  (Ruinenausbau in traditioneller Bauweise)
 - Café Prag Magdeburg
- Neugestaltung der Dresdner Rathausfassade zum Dr.-Külz-Ring 1948- 52 - Foto: TK 2007
- Kulturhaus "Martin Andersen Nexö" in Rüdersdorf; 1953-1956, Fotos auf: www.3po.de
- Haus der Elektrotechnik am Alexanderplatz, 1967 bis 1969
  gemeinsam mit den Berliner Architekten Heinz Mehlan und Peter Skujin.
- Ehemaliges Ministerium für Außenhandel (1963–1965) in Berlin: Unter den Linden 50
  gemeinsam mit Herbert Boos und Hanno Walther


Architekt Bruno Höppner

Bruno Höppner war in den fünfziger Jahren als Baurat mit für den Wiederaufbau des Dresdner Rathauses zuständig. Er und Emil Leibold hatten die eigentliche Bauausführung zum Wiederaufbau des Schauspielhauses als "Großes Haus" inne.



  Theater-Wiederaufbauten und Neubauten in Deutschland und Österreich nach 1945

Fast zeitgleich mit Dresden wurde nach der Kriegszerstörung das Nationaltheater Weimar in ähnlich geschwungenen Formen unter Leitung von Werner Harting wieder errichtet (Foto) und am 28. August 1948 feierlich eröffnet. Nur wenige Wochen danach war das Schauspielhaus Dresden mit der Eröffnung am 22. September 1948 das zweite Theater, nicht nur in der sowjetischen Besatzungszone, sondern in ganz Deutschland, welches wieder die Pforten öffnete.
Das selbe Prinzip einer rekonstruierten Außenfassade und eine entstuckte Neufassung des Zuschauerraumes wurde im Opernhaus Chemnitz 1947- 1951 umgesetzt (Foto). Karl Wilhelm Ochs und Walter Henn waren die Architekten (beide verließen die DDR 1953). Kurt Hemmerling, 1898 geboren in Dresden, ein ausgewiesener Spezialist für Theaterbau, war verantwortlich für den technischen Teil des Opernhauses. Hemmerling leitete zudem den Wiederaufbau des Landestheater Halle 1948 - 1951, ebenfalls als Mehrspartentheater. Auch Hemmerling entschied sich für eine pragmatische Beibehaltung der hufeisenförmigen Rangstruktur, vereinfachte die Innenraumgestaltung jedoch in ruhigen, funktionalen Formen.
Sowohl die Fassungen für Weimar, als auch Chemnitz, Halle und Dresden wurden später durch andere Gestaltungen ersetzt und sind heute in der gesamtdeutschen Betrachtung leider in Vergessenheit geraten. Die elegant-schlichte Neugestaltung des Nordhausener Theaters, 1946- 1949 von Friedrich Stabe ausgeführt, ist noch erhalten.
Ganz anders die Herangehensweise in Ostberlin: Im Sinne der damaligen offiziellen Kulturpolitik der DDR errichtete Richard Paulick, der ebenfalls am Bauhaus Dessau gearbeitet hatte, den Wiederaufbau der Staatsoper Unter den Linden in neohistorisierenden Formen eines adaptierten preußischen Rokokos unter den Architekturdoktrin der "Nationalen Tradition" von 1950- 1955. Ebenfalls in Ostberlin führte Hans Richter aus Dresden den Wiederaufbau der Volksbühne von 1952 bis 1954 in moderner Form in den Innenräumen aus, allerdings mit geforderten Ornamenten im Zuge der Formalismus-Diskussion, während Hermann Fehling, Heinrich Sobotka und Gustav Müller den Wettbewerb 1948 gewonnen hatten, jedoch nur den Außenbau wiederherstellten konnten.
Ein charismatischer Theater-Neubau wurde etwas später in Leipzig realisiert, wo Kunz Nierade und Kurt Hemmerling 1958 - 1960 das neue Opernhaus in moderneren Formen errichteten. In Ostberlin, so wäre zu ergänzen, erfolgte der Umbau des Foyers und der Werkstätten der Komischen Oper Berlin, ebenfalls durch Kunz Nierade 1965- 1967.
 
Westdeutschland
Das Buch "Spiel-Räume der Demokratie. Theaterbau in der Bundesrepublik Deutschland 1949—1975" von Frank Schmitz (2022) gibt einen guten Überblick über die Architektur und Entstehungsgeschichte der Theaterbauten nach der Gründung der Bundesrepublik in Westdeutschland.
Lediglich im Kapitel 7.2 "Deutsch- deutsche Konkurrenz" wird kurz auf den Wiederaufbau von Staatsoper Unter den Linden in Ostberlin eingegangen, der ein Impuls zum Gegenbau der Deutschen Oper in Westberlin gewesen war - 1956 bis 1961 nach Plänen des Architekten Fritz Bornemann errichtet. Auch dieser Bau war kein reiner Neubau, nutzte den Bühnenturm des alten Opernhauses von 1912 sowie den wenig beschädigten Werkstätten- und Verwaltungstrakt.

Der Wiederaufbau der Wiener Oper begannt mit einem Wettbewerb bereits im Juli 1946, den Erich Boltenstern mit einem moderat-modernen Kompromiss-Entwurf gewann, der wieder Logen in allen Rängen beinhaltete, trotz der ungünstigen Sichtverhältnisse, die bereits in der zweiten Reihe der Logen entstehen. Eröffnet wurde die Oper am 5.November 1955.
Ähnlich war die Neugestaltung des Wiener Burgtheaters durch Michel Engelhart 1948-1955, der ebenfalls leichte Dekoration im festlichen Innenraum und dessen wiederhergestellte Logen anbringen ließ. Er hatte den Wettbewerb 1948 gewonnen, weil dessen Pläne auf den Bestand die größte Rücksicht nahmen.



Rekonstruktion des Gründerzeit-Jugendstilsaals
1995 - 1996 im Schauspielhaus Dresden


Anfang der 1990er Jahre wurde eine gründliche General- überholung vom Dresdner Schauspielhaus nötig (zuvorderst eine Heizungsumstellung). Auch der
Orchestergraben war nach dem Umzug von Oper, Konzert und Ballett in die Semperoper nicht mehr nötig. So entschied sich die Stadt Dresden einen Architekturwettbewerb auszuschreiben, der die Umgestaltung des Saales vorsah. Es gab vier Teilnehmer: Bienefeld aus Ollheim bei Köln, Schölzel (Versammlungsstätten GmbH Dresden, Hänsch (Dresden), Braun/ Schlockermann Frankfurt Main. Bienefeld schlug einen komplett neuen Saal in Form eines Amphitheaters vor. Schölzel kreierte z.B. eine neue illusionistische Wolkendeckenmalerei. Auch Braun/ Schlockermann änderten den Saal wenig, entwarfen jedoch ebenfalls ein neues fantasiereiches Deckengemälde.

In dem Zusammenhang muss an den Wiederaufbau der Dresdner Semperoper erinnert werden. 1984 wurde der 1977 begonnene Wiederaufbau des Opernhauses unter Leitung von Wolfgang Hänsch abgeschlossen. Entgegen einiger Nachkriegsplanungen, die im Inneren einen ganz modernen Saal vorgesehen hatten, einigte sich der Planungsstab und die Dresdner Denkmalpflege auf die annähend getreue Rekonstruktion im Inneren und Äußeren. Diese Arbeit wurde im In- und Ausland als große kulturpolitische Leistung der DDR gewürdigt.
Sicher ist es ein Großteil dieses Erfolges der touristisch erfolgreichen Semperoper zuzuschreiben, daß letztlich die Fachjury mit Vertretern einer traditionell starken Dresdner Denkmalpflege für die Wiederherstellung der alten, ursprünglichen Saalfassung des Schauspielhauses durch den gleichen Architekten Hänsch votierte. Obwohl die Nachkriegsfassung inzwischen auch einen geschichtlichen Wert darstellte, wurde in einer Hochphase rückbesinnender Impulse die prunkvolle Innengestaltung von 1913 eindeutig als die kunsthistorisch wertvollere Fassung eingestuft. Diese späte Jugendstil-Ausstattung konnte zwischen 1995- 96 für 75 Millionen DM mit dem glanzvollen Kronenleuchter und der üppigen Deckendekoration originalgetreu wiederhergestellt werden. Auch das Staatschauspiel als Nutzer hatte die historische Lösung mehrheitlich favorisiert, Intendant war Dieter Görne 1990 bis 2001.

Revisualisierung und Nachhallzeit

Wolfgang Hänsch schrieb 1996 in der von der SIB zur Eröffnung des wiederhergestellten Schauspielhauses herausgegebenen Broschüre: "Diese Entscheidung (zur Revisualisierung des historischen Theaterraumes) ist letztlich das Ergebnis einer gewissen lokalspezifischen Auseinandersetzung im weitesten Sinne gewesen. (...) lokales Recht, "Wiederbringliches" neu zu schaffen, soweit es aus denkmalpflegerischer Sicht vertretbar ist." Zudem war die Nachhallzeit für das Schauspiel zu groß und die Sicht- und Hörbeeinträchtigungen auf dem 3. Rang waren nicht mehr zumutbar. Das hieß, komplett auf den 3. Rang zu verzichten, was eine komplette Infragestellung des Zuschauerraumes von 1948 zur Folge hatte.


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Zum Vergleich: Zuschauerraum vor 1945, wie er jetzt annähernd wieder aussieht.


Saal um 2000

Wiederaufbau historischer Gebäude im Nachkriegs-Dresden

Obwohl man heute eher die Defizite im Wiederaufbau nach 1945 thematisiert, soll bei einer kunstgeschichtlichen Erinnerung nicht ausgeblendet werden, daß die Stadtverwaltung Dresden große Anstrengungen unternahm, eine Vielzahl von historischen Gebäuden in der europäisch bedeutenden Kunst- und Kulturstadt zu retten. Bereits 1945 wurde mit der Wiederherstellung des Zwingers begonnen und 1964 vollendet. 1955 konnte die Instandsetzung der Kreuzkirche durch Fritz Steudtner (1896-1986), ein Meisterschüler Tessenows, abgeschlossen werden.
Ebenfalls bereits 1945 begannen die Aufbauarbeiten am ehem. Luftgaukommando in Strehlen unter Wolfgang Rauda - für den ehemaligen Sächsischen Landtag.
1948 - 1950 erfolgten Rekonstruktion und Wiederaufbau der Gebäude und Ateliers der Hochschule für Werkkunst und der Akademie für bildende Künste Dresden durch Mart Stam.
1949-51 stellte Prof. Wolfgang Rauda die Christuskirche Strehlen vereinfacht wieder her. 1948-50 wurde die ausgebrannte Annenkirche mit ihrer Jugendstilausstattung durch einen schöpferischen neoklassizistischen Baustil wieder aufgebaut. (Foto Vergleich vor 1945 und 1951)

Weitere historische Gebäude konnten nach 1945 im Stadtzentrum aufgebaut werden: Hofkirche, Italienisches Dörfchen, Schinkel-Wache, Georgentor-Gebäude, Sekundogenitur, die Flügelbauten des Coselpalais, Sempergalerie, Landhaus, Neues Ständehaus, Rathaus, Johanneum mit dem langen Gang, Albertinum, Gewandhaushotel, Kunstakademie, Marstall, Augustus- und Albertbrücke, Wettin-Gymnasium. In der Neustadt waren es das Japanische Palais und der Jägerhof. Auch in der Südvorstadt gelang der z.T. vereinfachte Aufbau einer Vielzahl von Gebäuden der damaligen Technischen Hochschule (jetzt TU). Die Matthäuskirche in der Friedrichstadt und die Lukaskirche konnten wieder nutzbar gemacht werden. Ebenso Gebäude der Medizinischen Akademie im Krankenhaus Johannstadt und weitere bisher ungezählte, weniger bedeutende Gebäude, Brücken, Fabriken, Gleisanlagen etc. außerhalb des 95 % zerstörten Stadtkerns

All dies geschah zu einer Zeit, als in Dresden eine heute unvorstellbare Wohnungsnot herrschte und Tausende Menschen dringend ein Dach über dem Kopf benötigten. Demontage und Reparationen für die sowjetische Besatzungsmacht erschwerten darüber hinaus enorm den (Wieder-) Aufbau.
Zudem verließen täglich Dutzende Fachleute, wie Architekten, Maurer, Ingenieure, Bauzeichner und Handwerker das Land Richtung Wirtschaftswunder zu den Brüdern und Schwestern des "richtigen Deutschlands".
Auch noch in den 70er und 80er Jahren wurde bei den engen finanziellen Spielräumen der Planwirtschaft Mittel für den Wiederaufbau zerstörter Kulturdenkmäler aufgebracht, wie z.B. Dreikönigskirche (1984-90), Blockhaus oder einige historische Wohngebäude in der inneren Neustadt.

 

Erhaltung von Ruinen - starker Einsatz der Dresdner Denkmalpflege

In einem bemerkenswerten Aufsatz wies Andreas Steffen Kriege 2017 auf den großen Einsatz der Dresdner Denkmalpflege hin. Einen absolut gesetzten "Abschied vom alten Dresden" hat es so radikal nicht gegeben. Dank der Denkmalpflege wurden viele Ruinen, die durchaus vom Abriss bedroht waren, mit immer neuen Nutzungsvorschlägen bewahrt. Dazu zählen: Frauenkirche, Taschenbergpalais, Schloss, Kurländer Palais, verschiedene Kirchenruinen, Coselpalais Torhäuschen, Vorderfassade Orangerie. Auch wenn diese Bauten dann größtenteils erst nach 1990 wieder aufgebaut wurden, ist es wohltuend, dass zunehmend differenzierter über die Wiederaufbauzeit in Dresden nach 1945 geurteilt wird.



Wiederaufbau des ehem. Untersuchungsgefängnisses hinter dem Landgerichtsgebäude 1957-64 als Universitätsgebäude, erst TH, seit 1961 TU

Spiraltreppe im zentralen Treppenhaus (dort früher Lichthof), Architekt: Prof. Georg Münter und Günter Matthes.
Hülße-Bau der TU Dresden (Ursprungsbau 1907, auch nach 1945 Gefängnis: der sowjetischen Besatzungsmacht u. der DDR-Justiz bis 1957), Foto: 2024 TK, Vergrößerung
Eines der spannungsvollsten Dresdner Treppenhäuser der Nachkriegszeit findet sich in einem früheren berüchtigten Gefängnis. Verantwortlich für den Umbau war Georg Münter, einer der wenigen Architekten, die von der Bundesrepublik in die DDR übersiedelten. Münter war Professor für Theorie der Architektur und Baugeschichte an der TU Dresden. Tatsächlich sind nach 1945 auf dem Gelände der TH (später Technische Universtität) eine Unmenge historischer Gebäude instandgesetzt bzw. vereinfacht wiederaufgebaut worden.

 

Literatur:

Schauspielhaus Dresden. "Großes Haus". Freistaat Sachsen, Staatsministerium der Finanzen, Dresden 1996 (Broschüre)

Festband anläßlich der Wiedereröffnung des Schauspiel-
hauses Dresden am 22. September 1948:
"Die Bauten der Staatstheater Dresden, Zur Eröffnung des Großen Hauses"

Lutz Schöbe: Franz Ehrlich. Beitrag zu einer Monographie, Humboldt Universität. Diplomarbeit. Betreuer: Bruno Flierl, Berlin 1983

Dieter Bartetzko: Mit einfachen Mitteln ein vornehmer Schmuck. Das Bauschicksal des Dresdner Schauspielhauses. In: 100 Jahre Schauspielhaus Dresden, Hrsg.: Harald Müller, Wilfried Schulz und Felicitas Zürcher, Berlin. Theater der Zeit 2012


Andreas Kriege-Steffen
Stadtplanung in Dresden 1945-1952. Leitbilder. Bezugspunkte. Streitfragen, in: Blick zurück nach vorn. Architektur und Stadtplanung in der DDR, Hrsg. von Sigrid Hofer und Andreas Butter, Marburg 2017

Thomas Will: Provisorische Architektur des Wiederaufbaus. Probleme ihrer Bewertung, mit einer Fallstudie zur Dresdner Kreuzkirche, TU Dresden 1999 (pdf)



Quellen

(1) Bauhaus Archiv Dessau - Nachlass Franz Ehrlch, Dokumente in Bezug zum Wiederaufbau des Schauspielhauses Dresden, u.a.: Brief von Franz Ehrlich an den Dresdner Stadtrat Rentzsch vom 08.12.1947, u.a. über seine Urheberschaft / Briefkonzept von Franz Ehrlich an die SED-Leitung Dresden vom 24.11.1947

(2) Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Gefangen in der Titotalitätsmaschine. Der Bauhäusler Franz Ehrlich, Berlin 2022, S.176-177

Ministerpräsident Seydewitz (Landesregierung Sachsen) überwies später am 31.März 1949 einen Scheck über die volle Summe an Franz Ehrlich. Dokument dazu im Bauhaus-Archiv Dessau

(3) SBD_I 11692_1-88 D_114885, Brief an den Generalintendanten vom 10.08.1966

(4) Stiftung Bauhaus Dessau:
SBD_I 11692_1-88 D_114831 Bericht von Franz Ehrlich
u.a. über den Stand der Arbeiten zum Aufbau des Schauspielhauses vom 27.08.1946
Ehrlich beklagt eine "ungenügende Unterstützung der Landesregierung" Sachsens.

(5) SBD_I 11692_1-88 D_114869
8-seitiges Schreiben von Ehrlich vom 24.11.1947

(6) ebd.

(7) SBD_I 11692_1-88 D_114835

(8) SBD_I 11692_1-88 D_114858
"Der Neubau des Schauspielhauses Dresden"
Franz Ehrlich vom 24.11.1947


(9) Schreiben von Kurt Liebermann (Vorsitzender des Kreisvorstandes der SED Dresden) an den Landesvorstand der SED Sachsen, 29.04.1949 (Bundesarchiv, DY 30/IV 2/11/v. 4852, Bl.210-213.) - Das gesamte Schreiben abgedruckt in: Jens-Uwe Fischer: Franz Ehrlichs Werk in 43 Stichworten. Gestaltung zwischen Bauhaus, Buchenwald und Sozialismus. Promotion 8.2.2024 an der HFBK Hamburg, S.400-401


Text: Thomas Kantschew,  2005 / verschiedene Ergänzungen, inbesondere zu Franz Ehrlich 2026

 


Nur zum Vergleich: die damals so benannte "Vorläufige Wiederherstellung" der ausgebrannten Kreuzkirche Dresden,
1950 bis 1955 von Fritz Steudtner.
2003-04 wurde die Steudner-Fassung schonend saniert und damit jene herausragende Leistung eines würdevoll- bescheidenen Nachkriegsaufbaus respektiert. Auch 55 Jahre später wirkt diese einfach-archaisch und zugleich schmucklos-moderne Sakral-Architektur mit dem rohen Rauhputz verblüffend zeitlos. Jene beglückende Schlichtheit hat wenig mit der damaligen historisierenden Bautradition nach Moskauer Vorbild zu tun.
unten: Vereinfacht aufgebaute Sakristei zwischen Tradition und Moderne - 1965


Veränderte neue Rathausfassade am Ring von Emil Leibold von 1948- 52- Foto: TK 2007