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Architekt:
Herr Prätorius
Bauzeit:___ 1933- 34
Adresse:___
Am Kirschberg 19
Schlichtes,
einfaches Einfamilienwohnhaus mit steinernen Sockel und Holzfassade,
schmucklos. Satteldach mit Schiefer, Garten mit original vorhandenen
Baumbestand, Garage und Veranda ebenfalls komplett erhalten. Die Garage,
funktional und praktisch direkt unter der Veranda gelegen, ist vom
Gartentor in einem kleinen Bogen rechtsseitig und tiefergelegen zu
erreichen.
Eigenwillig ist die Dreieraufteilung der Fenster in der Vorderfassade,
wobei das zweitlinke Fenster mit der Querstrebe bereits eine Änderung
der Nachmieter sein kann. Ob die Seitenfenster Sprossen hatten müßte
eine genauere kunsthistorische Forschung ergeben. An den Fenstern
gibt es keine hölzernen Fensterläden, wie sonst oft üblich
in dieser Zeit. Linksseitig befindet sich hinter Bäumen noch
ein Anbau nach 1945.
Der seit der Veröffentlichung seiner Tagebücher durch den
Aufbau-Verlag weltweit bekannte Romanist und Sprachwissenschaftler
Victor Klemperer hatte sich 1933-34 unter äußerst beschränkten
finanziellen Mitteln ein eigenes Wohnhaus im südlich-gelegenen
Vorort Dölzschen bauen lassen. Es ist sicher kein Bauwerk für
die große Architektur-geschichte, aber ein wichtiges für
die Kulturgeschichte Dresdens.
Der liberale, kulturell aufgeschlossene Professor an der TH Dresden
und seine Ehefrau Eva wollten ursprünglich ein Haus mit Flachdach
in der damaligen Mode des "Neuen Bauens" errichten lassen,
aber die Nazi-Ideologie verhinderte die Gestaltungswünsche.
"Drollige Schwierigkeit"
Im Tagebuch 1933 - 1941 "Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten"
heißt es im Juli bis Sept. 1934:
"Es wird vorderhand der Mittelteil des Gesamthauses gebaut, immerhin
ein in sich geschlossenes Häuschen mit drei großen Zimmern
und sehr reichlichem 'Zubehör'. Eine drollige Schwierigkeit ergab
sich: Die Bauvorschriften des Dritten Reiches verlangen 'deutsche'
Häuser, und flache Dächer sind 'undeutsch'.
Zum Glück fand Eva rasch Freude an einem Giebel, und so wird
das Haus also einen 'deutschen' Giebel bekommen (...).
Der hinzugeforderte 'deutsche' Giebel vermehre die Kosten um 2300
M ... verzweifeltes Hin-und Herrechnen (...).
Die Holzmauern wuchsen in der letzten Woche nach langer Vorbereitung
der einzelnen Balken sehr rasch hoch. Mein Eindruck wechselte täglich:
Bald meinte ich, ein Hundebüdchen vor mir zu haben, bald sieht
die Sache reputierlicher aus (...).
Das Mißtrauen der Leute gegen Holzhäuser, kein Geldgeber
- ja, wenn es Steinbau wäre! -, ihr 'aufgesetzter' Dickkopf'
"
Baumaterial Holz
Die Entscheidung für den Baustoff Holz hatte nicht nur ästhetische
Gründe, sondern auch finanzielle, denn Holz war billiger als
ein massiver Steinbau.
Heute wird zuweilen die Verwendung von Holz im Bauen nach der Zeit
um 1933 mit Blut- und Boden-Ideologien in Verbindung gebracht. Doch
am Wohnhaus Klemperers sieht man, daß das Baumaterial Holz durchaus
ein Werkstoff guter Modernität sein kann.
Klemperer - Propaganda und LTI
Der bekennende Protestant Klemperer und Sohn eines Rabbiners (1881-1960)
war wegen der NS-Rassengesetze nach 1933
von der Technischen Hochschule Dresden entlassen worden und musste
1940 in ein “Judenhaus” in Strehlen umziehen. Nur mit Glück überlebte
er die Nazizeit und erhielt 1945 sein Haus zurück. Bekannt wurde er
vor allem durch seine Tagebücher und das Buch “LTI”, welches sich
mit der Sprache des Dritten Reiches befasste. Ein Wunder, daß
die DDR-Machthaber gestatteten, das Buch 1975 und 1982 von Reclam
Leipzig neu auflegen zu lassen, waren doch Parallelen zu der suggestiven
Propaganda-sprache im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat offensichtlich.
Ein Kultbuch damals in der Ostzone, die ihrerseits eine eigentümliche
Sprachverschleierung betrieb. Die bereits in der Parteigründung
der "NSDAP" enthaltene schlagkräftige Worthülse
"national-sozialistisch" wurde z.B. in der DDR bewußt
nicht verwendet. Stattdessen benutzte man nur verkürzt das Vorwort
"Nazi".
Eine Gedenktafel an Klemperers ehemaligem Wohnhaus wäre das Mindeste,
wie die Stadt Dresden das Andenken an den berühmten Sprachprofessor
ehren könnte, der nur durch die Wirren des brennenden Dresdens
am 13. Februar 1945 dem Holocaust entkommen konnte.
Holzwohnhäuser um 1930
Klemperers Wohnhaus aus Holz ist in dieser Zeit keine Ausnahme. Auch
der jüdische Professor Albert Einstein aus Berlin ließ
sich z.B., 1929 in Caputh vom jungen Konrad Wachsmann, ein Einfamilienhaus
aus diesem Naturmaterial bauen. Möglicherweise hat der Architekt
des Klemperer-wohnhauses in Dresden - Prätorius - die Arbeiten
von Konrad Wachsmann zum modernen Holzbau gekannt, wie z.B.
das heute als Standardwerk geltende "Holzhausbau. Technik und
Gestaltung" von 1930. Darinnen heißt es u.a.
"Aus der amerikanischen Methode der Verwendung nur statisch notwendiger
Holzdimensionen in Verbindung mit deutschen Qualitätsansprüchen entstanden
neue Bauweisen, die bei größerer Leichtigkeit der Konstruktion nicht
an Festigkeit und Dauerhaftigkeit einbüßten." Die Richtigkeit dieser
Aussage beweist eben auch das Klempererhaus, das auch nach 70 Jahren
Nutzung (und Pflege) noch in bestem Zustand ist. Allerdings war es
keine Fertigteilhaus, sondern ein individuell entworfenes Haus.
Das Buch von Wachsmann wurde 1933 vom NS-staat verboten, obwohl im
Dritten Reich weiterhin jede Menge Holzhäuser (und Baracken)
aus Holz gebaut wurden. Der Grund war a), daß Wachsmann auch
Jude war und b) dieses Buch reichlich Beispiele von Holzhäusern
enthielt, die mißliebigen Personen gehörten, wie z.B. eben
Einstein, Annette Kolb, René Schickele, Ernst May, Scharoun oder Poelzig.
Wachsmann studierte von 1920 bis 1924 in Berlin an der Kunstgewerbeschule
und in Dresden an der Kunstakademie. Er ist u.a. mit experimentellen
Holzbauten in Niesky (Niederschlesien/ jetzt Sachsen) bekannt geworden,
wo er von 1926-1929 als Chefarchitekt der damals größten europäischen
Holzbaufirma Christoph & Unmack AG tätig war und 1925 ein industriell
vorgefertigtes Holzbausystem für Einfamilienhäuser entwickelt hatte.
Wachsmanns moderne Interpretationen von Holzhäusern weisen Zusammenhänge
mit der in der Oberlausitz traditionell vorhandenen Blockbauweise
(Schrotholzhäuser, Umgebindehäuser) auf.
www.museum.niesky.de
(Holzhausbau) - ein spezieller
Holzhauspfad führt entlang zu den wichtigesten Holzbauten.
Das
Einsteinhaus in Caputh
Einstein
und Wachsmann in Caputh
Holzwohnhäuser in Hellerau 1934-37
Eine interessante zeitliche Parallele ist die Holzhaussiedlung mit
Musterhäusern der Deutschen Werkstätten "Am Sonnenhang"
in der Gartenstadt Dresden-Hellerau, die Mitte der 30er Jahre von
Wilhelm Kreis, Eugen Schwemmle, Oswin Hempel, Wilhelm Jost, Adelbert
Niemeyer und Erich Loebell errichtet wurden.
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Vergrößerungen
der Fotos

Den Terror des
NS-Systems überlebt. Hier Prof. Klemperer in einer Aufnahme nach
1945

Einsteinhaus in
Caputh, bei Potsdam, 1929
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