"Szegedhaus" Wilsdruffer Straße
Stalinistische Aufmarschstraße oder Flanierboulevard mit sachlich-moderner Architektur ?

 

Architekt: Kollektiv Gerhart Müller (BDA) + Günther Gruner
Adresse: Wilsdruffer Straße 4- 6
Bauzeit: _1961-62 (städtebauliche Planung 1959)
heutiger Besitzer: www.gagfah.de

Das ehem. ungarische Restaurant "Szeged" wurde in den letzten 20 Jahren mehrfach im Interieur umgebaut. Der letzte Pächter schloss das Lokal "Steiger Dresden" im Frühjahr 2015. Es steht zur Zeit leer.

Restaurant "Szeged"
Innengestaltung: Erhard Petermann
Abgewinkelter 2-geschossiger Baukörper mit Arkadenaus-
bildung, darüber 4-geschossige Wohnbebauung,
Restaurant: 188 Plätze, Espresso-Bar im EG: 60 Plätze,
Mischbauweise, Sandsteinfassade mit Diabas-Brüstungen (besonders harte Gesteinsart), Treppenhalle mit gestaltetem farbigem Glasfenster von Kurt Sillack / Rudolf Kleemann
aus: Architekturführer der DDR, Bezirk Dresden,1979

Grundriss Quelle: Deutsche Architektur 7/1963, S. 438-439


Übergang von der Tradition zur Moderne
Dieser Block D Nord ist das letzte errichtete Gebäude entlang der als Magistrale bezeichneten ehemaligen Ernst-Thälmann-Straße. Sie wurde ab 1952 aus politischen Gründen als machtvolle Straße für Fließ-Demonstrationen von der SED-Führung geplant. Die Breite der Straße beträgt 55 m, ursprünglich waren 65 m anvisiert.
Im Gegensatz zu den Bauten am Altmarkt bzw. gegenüber in den südlichen Blöcken der Wilsdruffer Straße zeigt sich hier die bereits 1958 begonnene Versachlichung, die als Befreiung vom verordneten historistisch-traditionellen Stil empfunden wurde. Nach Stalins Tod im März 1953 setzte eine durch Chruschtschow initiierte Wende im Bauwesen ein. Infos auf: ostmodern.org - Auch in Dresden wurde nun weniger auf Repräsentation und Pracht Wert gelegt, als auf Wirtschaftlichkeit und Modernität. Auch das Thema Monumentalität spielt eine untergeordnete Rolle.
Vorbilder für die sachliche Architektur könnte die "Frankfurter Moderne" gewesen sein, aber sicher auch sowjetische Baukultur aus dieser Zeit.


Rauskragende Ecke des Restaurants mit Arkadengang und Dachterrasse, Foto 1962 SLUB

Architektonisch reizvoll ist das um die Ecke ragende, urban-großstädtische Restaurant, über welchen sich Dachterrassen für die Bewohner des 2. OG befinden. Städtebaulich exponiert ragt es aus der Achse der Wilsdruffer Straße mit markanter Eckbetonung heraus und unterstreicht damit auch optisch den besonderen Stellenwert dieses Ensembles.

Von der Arkade zur modernen Kolonnade

Ein charakteristisches Gestaltungsmerkmal stellen, anklingend an die Altmarkt-Arkaden, die deutlich vorgerückten rechtwinkligen Laubengänge dar. Streng genommen handelt es sich mehr um abstrahierte Pfeilerkolonnaden - weniger um Arkaden. Wäre dieser Gang eine echte Arkade müssten im lateinischen Wortsinne arcus = Bogen abgerundete Bögen die Gestaltung bestimmen. Eine Kolonnade dagegen bezeichnet (lateinisch colonna = Säule) einen Säulengang mit geradem Gebälk.

Die funktionale Trennung von herausgerückter öffentlicher Geschäftszone im EG + 1. OG und zurückgesetzten Wohngeschossen trägt belebend zum Urbanisierungsprozess im Stadtzentrum bei.

Denn die breite moderne Ost-West-Magistrale ist - neben ihrer politischen Funktion - eben auch als Flanierboulevard konzipiert worden mit Brunnen, zeittypischen Glasvitrinen und breiten Bürgersteigen. Viel prägender im Alltag der 1960er Jahre war die Funktion als wichtigste Einkaufsstraße im Dresdner Zentrum mit großzügigen Geschäften, die über zwei Stockwerke reichten, so z.B. ein Geschäft für Meißner Porzellan und der sogen. "Meisterschuh" im Szegedhaus.


Wohn- und Geschäftshaus "Szeged" 1965, Foto: SLUB

Aber auch die Wohngrundrisse der Appartments sind durch klare, funktionale Gliederung bestimmt. Modernität war eine Selbstverständlichkeit: mit Raumfülle in der Eingangshalle, Fahrstuhl, Balkonen oder großen Terrassen. Zur Rückseite gibt es offene Loggien mit einem Arkadengang (Block C). Die klare Fassadengliederung mit guten Proportionen zeichnet das markante Großstadtgebäude im Zentrum aus.


Ein innenarchitektonischer Höhepunkt ist die gedrehte Treppe vom EG zum Restaurant im ersten Obergeschoss - geschwungene Moderne von ihrer elegantesten Seite. Leider steht sie nicht unter Denkmalschutz.

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"In diesen schlichten, als traditionelle Ziegelbauten mit Walmdächern, glatt verputzten Obergeschosswänden und sandsteinernen Fenstereinfassungen ausgeführten Gebäuden, die wie die Altmarkt- Westseitenbebauung mit zweigeschossig angelagerten Läden und Restaurants ausgestattet wurden, klang der formale Bezug zur Dresdner Bautradition endgültig aus. Mancher damalige Kritiker fand die Gestaltung der Bauten eher halbherzig – heute beeindrucken sie, sofern sie noch in ihrer originalen Substanz erhalten geblieben sind, durch die formale Qualität der Details und das Bemühen, traditionelle Architekturelemente im Sinne einer modernen Bauästhetik zu interpretieren."

Thomas Topfstedt: Der Wiederaufbau des Dresdner Stadtzentrums während der 1950er und 1960er Jahre.
Urbane Muster der Nachkriegsmoderne in der DDR, In: denkmal!moderne. Architektur der 60er Jahre
Wiederentdeckung einer Epoche
, (pdf-gesamter Text)
Hrsg. A.Buttlar, C.Heuter, Berlin 2007

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"Szeged" - Teil des Konzeptes der Nationalitäten-Lokale
in Dresden
Szeged = Ungarische Speisegaststätte
Ostrawa = böhmische Küche (am Fetscherplatz)
"International" = Speisen aus Polen, Russland etc.


Glasfenster steht unter Denkmalschutz
Das farbige Glasmosaik an der komplett gläsernen Stirnwand stellt folkloristische ungarische Szenen und Berufe dar.
Es wurde 2009 unter Denkmalschutz gestellt. Der Künstler ist Kurt Sillack, ein Dix-Schüler, der in Dresden u.a. auch das große Wandbild "Dresden grüßt seine Gäste" auf der Prager Straße entwarf, welches 2005 durch einen nichtssagenden Neubau völlig verstellt wurde.

Abriss der Messingfenster
Nicht unter Denkmalschutz standen leider die bis 2004 im Original vorhandenen Messingschaufenster. Sie wurden bei der "Sanierung" beseitigt und mit einfacheren Materialien ausgetauscht. Hier zum Vergleich noch vorhandene Messingfenster des Antiquariatgeschäfts vom Nebenhaus Wilsdruffer Straße (Block C), die 2013 ebenfalls Stück für Stück abgerissen werden.



Messingschaufenster im "Dresden Antiquariat" an der Ecke zur Kleinen Kirchgasse. Foto: Juli 2013 TK, Foto2, Foto3, Foto4


Ernst-Thälmann-Straße, zeitg. Postkarte

Grundriss Restaurant Szeged, Vergrößern mit Erklärungen

Foto: April 2011 TK, Vergrößern

Foto: April 2011 R. Lubiger
www.lubiger-weltsichten.de, Vergrößern

Foto: 1962, Dt. Fotothek / SLUB


Moderne Eleganz: Szeged-Treppe

Espresso-Bar im Erdgeschoss 1965, Postkarte, Verrößern
Espresso-Bar im EG 1962, Foto: SLUB

Restaurant OG ca: 1980, Foto: SLUB

Original-Mobiliar 1962 , Foto: DA 1963


Brunnen vor dem "Szegedhaus" - jetzt Straßeneinmündung zur Kleinen Kirchgasse, Foto: 1977 SLUB

Treppe zum Restaurant, Foto: TK 2012


Glasmosaik von Kurt Sillack / Kleemann


Bewusst eingesetzt: Kunst am Bau !


Planungsgeschichte
Die schräg abgewinkelte Gebäudekubatur war das Ergebnis eines Ringens um Anpassung an den vorhandenen Kontext. Ursprünglich sollten hier strenge, rechtwinklige Formen gebaut werden, die aber keine Korrespondenz zum westlichen Seitenflügel des Landhauses ergeben hätten, der bereits 1953 als provisorisches Schulgebäude wiederaufgebaut worden war.
(Siehe Modelle Wettbewerbe 1952 und 1953)
Die Schrägstellung bedeutete so einen städtebaulichen Fortschritt zu den anfänglichen Plänen im Siegerenwurf vom Kollektiv Schneider mit einer wuchtig monunentalen und komplett geschlossene Front. In den späteren städtebaulichen Überarbeitungen wurde dann die abriegelnde Großblockform in zwei Blöcke (C + D) unterteilt und damit bewusst ein offener Freiraum gelassen, um einen Durchgang von der Weißen Gasse Richtung "historisches Viertel" zu ermöglichen.
Auch zur Friesengasse wird eine Fußgängerdurchwegung offen gelassen. Die Moritzstraße allerdings wurde durch den Neubau komplett überbaut.


Herbert Schneider (1955-63 Chefarchitekt Dresdens), Skizze zur Ernst-Thälmann-Straße 1953 in bedeutend geschlosseneren und monumentaleren Formen im Duktus der "Nationalen Tradition"



Block C Nord (zwischen Kulturpalast und Szegendhaus), In: DA 2/1961 - groß, Archtektur auch von Gerhart Müller, gemeinsam mit Lorena Johne


Herbert Schneider: Perspektive vom Pirn. Platz Richtung Kulturhochhaus vom Mai 1953, Vergrößern


Wettbewerb Innenstadt 1952, Sieger-Entwurf: Kollektiv Schneider, Das Landhaus sollte nach Westen zur Magistrale einen Abschluss bekommen. Vergrößern


Wettbewerb 1952, Entwurf: Kollektiv Schneider, Modell, Vergrößern

Zweitplazierter Kollektiv Rascher: Plan - Modell


Wettbewerb Ost-West-Magistrale 1953 Vorgabe: trichterförmige Aufweitung + durchgehend geschlossene Riegelform, Vergrößern



Wettbewerb Ost-West-Magistrale 1953, Sieger: Kollektiv Georg Funk, Vergrößern
Modell

Einbindung Landhaus
Interessant an den verschiedenen Entwürfen ist auch, wie sie den historischen Bestand des Landhauses an die Magistrale anbinden. Beim Viertplatzierten des Altmarkt-Zentrum-Wettbewerbes 1953 Kurt Bärbig geht die Magistralen-Bebauung ohne Unterbrechung in den Seitenflügel des Landhauses über. Eine Durchwegung der ehem. Friesengasse ist nicht vorgesehen:


Vergrößern (Quelle IRS Erkner)

Kurt Nowotny lässt 1953 in seinem Entwurf zur Ost-West-Magistrale getreu den Wettbewerbsvorgaben eine schwer-wuchtige Eckbetonung rechtwinklig heraustreten und bindet dann doch den Landhaus-Seitenflügel direkt an diese strenge Form an.
Bei der 1960 schließlich durchgeführten Realisierung wird ein klarer Abstand zwischen historischer Landhaus-Bebauung und Wohnungsneubau gehalten.

 

Wie gehen andere Städte mit ihren Magistralen um?
Berlin: die Karl-Marx-Allee (ehem. Stalinallee) steht seit 1990 unter Denkmalschutz, Infos hier
Chemnitz: Straße der Nationen steht unter Denkmalschutz
Rostock: Lange Straße Denkmalschutz bereits seit 1979
Magdeburg: Bau u. Planung der soz. Stadt, pdf

Das architektonische Erbe des Sozialismus in Berlin und Warschau
Karl-Marx-Allee - Marszalkowska Dzielnica Mieszkaniowa Neue internationale Ausstellung Berlin,
Deutsches Historisches Museum (24.08–09.09.2011)
Die Ausstellung ist eine weitere Etappe des Projektes
"Die Identität der Stadt. Moderne und Gegenmoderne in der Kultur der Nachkriegszeit" des Warschauer Denkmalschutzbüros und des Berliner Landesdenkmalamtes.



Wettbewerb Ost-West-Magistrale 1953,
3. Preis: Kurt Nowotny, Vergrößern ,


Quellen: DA 1953 / 1954

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Ausgeführter Entwurf (ohne Kulturhochhaus) :


Aufbauplan Zentrumsbereich mit dem "zentralen Platz" und der Magistrale 1959 Vergrößern


Wettbewerb Ost-West-Magistrale 1953, Entwurfsbüro für Hochbau Dresden, Kollektiv Künzer, Fassadenabwicklung der Nordseite zwischen Altmarkt und Pirnaischen Platz, Rechts: Neubau Hotel, Mitte: Landhaus, Vergrößerung



Wilsdruffer Straße (ehem. Ernst-Thälmann-Straße), links im Bild Szegedhaus, Postkarte ca. 1975, damals noch ohne Bäume

Veränderungsdruck


Wohn- und Geschäftshaus "Szeged" 1965, Foto: SLUB

Ein kleiner Teil des Gebäudes (an der Kleinen Kirchgasse) ist bereits 2004 der Abrissbirne zum Opfer gefallen, damit die Abstandsfläche zum neuen Hotel de Saxe ausreichend ist. Weitere Eingriffe könnten bevorstehen:


Ensemble-Erhalt oder chirurgischer Schnitt ?


Die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden schlägt 2011 einen Durchbruch zur Wilsdruffer Straße vor, bei dem a) die Moritzstraße wieder durchgängig erfahrbar ist und b) bestimmte historische Gebäude rekonstruiert werden könnten, so das Hotel Stadt Rom und das Palais de Saxe. Dafür müsste allerdings mitten durch das Szegedhaus ein Schnitt vollzogen werden, Die GHND bezeichnet den Teilabriss einen "chirurgischen Schnitt". Mehr Infos auf:
www.neumarkt-dresden.de



Visualisierung: Andreas Hummel (www.arte4d.com)

Der Durchbruch soll mittelfristig erfolgen, da die Wohnhäuser an der Wilsdruffer Straße erst vor wenigen Jahren saniert wurden. Dennoch ist ein Nachdenken über den Erhalt der Gebäude in ihrer Ensemble-Wirkung an dieser konkret vorhandenen Geschichtsmeile lohnenswert. Auf die Ratlosigkeit im Umgang mit der real existierenden ehemaligen DDR-Vorzeigestraße sollte ein beherztes Weiterdenken folgen, das den (historischen) Wert und die Qualität der Bauten berücksichtigt, einschließlich bezahlbarer Ladenmieten (Gagfah). Vielleicht sollte man sogar eine Umbenennung der Wilsdruffer Straße in Erwägung ziehen. Der Name stammt von der kleinen Gemeinde Wilsdruff Nähe der Autobahn und wird in keiner Weise dem großstädtischen Boulevard-Charakter dieser wichtigsten Ost-West-Straße in der City gerecht.

Text: Thomas Kantschew, 22.Juni 2011


Foto: Feb. 2005 TK, Bau des Komplexes "Hotel de Saxe" - im Hintergrund frisch saniertes Szegedhaus- Rückseite, Vergrößern

Die Sächsische Akademie der Künste gab am 19. September 2011 ein Statement heraus:
Zur heutigen Bebauung der Wilsdruffer Straße in Dresden.
Statement von Mitgliedern der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste:
Thomas Topfstedt, Werner Durth, Wolfgang Kil und Engelbert Lütke Daldrup für die Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste. Text: www.sadk.de/aktuelles.html

Werkstattverfahren Schichten der Stadt – Hotel Stadt Rom
Diskussion der Ergebnisse, 16.7.2012
Rekonstruieren – Reparieren – Integrieren
Perspektiven zum Werkstattverfahren Hotel Stadt Rom
Thomas Will, TU Dresden

Heidrun Laudel: Das Hotel Stadt Rom und der Umgang mit der Nachkriegsarchitektur
http://quo-vadis-dresden.de (29. Juli 2012)


 



Schuhfachgeschäft 1965 im Szegedhaus, Ausstattung: Hellerauer Werkstätten, Foto: SLUB. Fast sämtliche Ausstattungen aus der Erbauungszeit sind heute nicht mehr vorhanden.

 

 

 

 

 

 


"Palais de Saxe", Foto: 1930, Fassade zur Moritzstraße. Das mit einer neuen Fassade versehene, "durchschnittene" Szegedhaus würde dann direkt an dieses noch zu rekonstruierende Gebäude anschließen. Foto andere Ansicht um 1900

 

 

 

 

 


Neumarkt-Situation 2009 TK, Vergrößern


Kolonnaden- Laubengang, Foto: TK 2012