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Sensibler Blechkasten
Die Aluminiumfassade des Centrum-Warenhauses
ist ein Produkt deutsch-sowjetisch-ungarischer Koproduktion
Von Siiri Klose
Die sechziger und siebziger Jahre haben in Dresden viele Gebäude
hinterlassen, deren architektonische Bedeutung heute umstritten ist.
In dieser Serie sollen einige davon vorgestellt werden. Heute: Das
Centrum-Warenhaus.
Die DDR-Geschichte des Centrum-Warenhauses verbindet sich bei vielen
Dresdnern vor allem mit einem Ereignis: Hier verschwand 1984 ein fünf
Monate altes Kind, geklaut aus dem Kinderwagen. Die Polizei ermittelte
eifrig, doch die Spurensuche versandete vor den Albertstadt-Kasernen
der sowjetischen Streitkräfte. Damit fand auch die unbekümmerte Tradition
der Dresdner Mütter, den Kinderwagen mitsamt Inhalt vor dem Kaufhaus
stehen zu lassen und so ungestört den Einkauf zu erledigen, ein jähes
Ende.
Die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion dagegen bestimmte das äußere
Erscheinungsbild des „Centrums“, das 1962 schon angedacht und 1968
zusammen mit dem Rundkino im zweiten Bauabschnitt der Prager Straße
in Angriff genommen wurde. Die Aluminiumteile der Fassade, die sich
zu dem charakteristischen kristallinen Relief fügen, waren sowjetischer
Herkunft, ebenso wie die seitlich eingefügten Rolltreppen im Inneren.
Zwar extrem schmal, aber immerhin: Nach dem Krieg rollten sie als
erste und lange Zeit einzige in Dresden. Auch sonst ist das Gebäude
ein Resultat des Ostblock-Zusammenschlusses RGW (Rat für gegenseitige
Wirtschaftshilfe): Die ungarischen Architekten Ference Simon und Ivan
Fokvari fertigten den Entwurf, nahmen sich aber die Centrum-Warenhäuser
der DDR zum Vorbild. Damals gleißte schon die Aluminiumfassade der
„Blechbüchse“ in Leipzig, und Berlin besaß ab 1970 ein kastenförmiges
Warenhaus - ebenfalls rundum mit einem Aluminiumrelief versehen. Das
Dresdner nun ist besonders markant: Über 340 Meter Fassadenlänge erstrecken
sich lückenlos die futuristisch anmutenden dreidimensionalen Rhomben,
ohne eine Schauseite zu bevorzugen, ohne einen Hinweis auf die Raumgliederung
im Inneren. Allerdings bestand die Feuerwehr auf Zugangswegen, weshalb
die kleinen sechseckigen Fenster-Durchbrüche entstanden. Immer noch
wirkt der Quader ein wenig wie das blechgewordene Utensil eines utopischen
Romans, fügt sich aber erstaunlich sensibel in die Häuserflucht der
Prager Straße ein: Er ist nicht auf einer Linie mit aufgereiht, sondern
einen Hauch gen Westen versetzt und schafft so einen sanften Übergang
zur fünfziger-Jahre-Bebauung des Altmarkts. Bei der Eröffnung 1978
setzte der Komfort im Inneren neue Maßstäbe für die DDR-Konsumgesellschaft:
Neben den Rolltreppen konnte das Warenhaus auf eine Klimaanlage verweisen,
auf 10 400 Quadratmeter Verkaufsfläche (darunter eine Bar und eine
schwer beachtete Heimwerkerabteilung) und auf einen mechanisierten
Warentransport hinter den Kulissen.
Für den neuen Nachwende-Besitzer Karstadt erwies sich das Warenhaus
jedoch als wenig geeignet für die modernen Ansprüche des gewandelten
Konsumverhaltens. 1994 ließ man zwar erst mal den Plan fallen, das
Haus an- oder umzubauen oder gar abzureißen, weil der Bau des neuen
Karstadt-Gebäudes Vorrang hatte. Aber ganz vom Tisch sind die Pläne
nicht, obwohl einige Millionen Euro in die Modernisierung flossen.
Trotzdem würde sich der Bau gegen eine Nutzung versperren: „Wir bräuchten
eine zentrale Rolltreppenanlage, das ist aber aus statischen Gründen
nicht möglich“, sagt der Dresdner Karstadt-Leiter Wolfgang Wirz. Zur
Zeit hätte man eine „mittelfristige Lösung“ für das Gebäude gefunden:
Die Sportabteilung auf zwei Etagen, ein Schnäppchenmarkt im Untergeschoss,
der Rest besteht aus einem „Nahversorgersortiment“ – mit dem Ergebnis,
dass das ehemalige Centrum einem unübersichtlichen Restpostenmarkt
gleicht und von Kunden nur spärlich besucht wird. „Wir machen Verluste
mit dem Haus“, sagt Wirz, und: „Eine Projektgruppe prüft, wie wir
das Gelände entwickeln können.“ Ob das Ergebnis Abriss oder Umbau
heißt oder alles bleibt, wie es ist, könne er aber nicht sagen. Sicher
sei nur, dass das Grundstück nicht verkauft wird: „Es ist schließlich
sehr wertvoll“.
Die Stadt steht etwaigen Umbauplänen nicht im Weg, sagt auch Baubürgermeister
Herbert Feßenmayr (CDU): „1992 hat der Stadtrat einen Plan verabschiedet,
der für diese Stelle eine dichtere Bebauung vorsieht.“ Danach sollen
die 18 Meter Breite, die die Prager Straße vor dem Krieg aufwies,
bis zu den Treppen in Rundkino-Höhe wieder hergestellt werden. Der
Platzähnliche Charakter zwischen den beiden Karstadt-Gebäuden würde
dann einer schmaleren Passage weichen: „Eine funktionierende Einkaufsstraße
braucht Enge“, sagt Feßenmayr dazu.
Es ist also zweifelhaft, ob die Dresdner noch lange den Silberwürfel
sehen werden. Unter Denkmalschutz steht er nicht. „Da ist noch keine
abschließende Entscheidung gefällt worden“, sagt Hartmut Ritschel
vom sächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Die Chancen scheinen
fifty-fifty zu stehen: Während die Leipziger Blechbüchse denkmalgeschützt
ist, will die Galeria Kaufhof beim ehemaligen Berliner Centrum-Warenhaus
das Blech gegen Sandstein austauschen. Künstler dagegen haben die
Dresdner Aluminium-Vielecken längst für sich entdeckt: Olaf Nicolai
baute für das Kunstprojekt „City-Index“ eine Lampe aus 16 Centrum-Waben
und versinnbildlichte damit ostdeutsche Gestaltungskultur. Für den
Seetor-Wettbewerb entwickelten Oliver Elsner und Lotte Lyon ein „C-Tor“,
einen Fassadenausschnitt des Warenhauses, davor schlängeln sich die
alten „Centrum“-Buchstaben. Das Warenhaus markierte schließlich auch
im Sozialismus das Zentrum der Stadt.
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