Der spröde Charme der Siebziger
Sächsische Zeitung vom 27.04.04

Sensibler Blechkasten
Die Aluminiumfassade des Centrum-Warenhauses ist ein Produkt deutsch-sowjetisch-ungarischer Koproduktion
Von Siiri Klose

Die sechziger und siebziger Jahre haben in Dresden viele Gebäude hinterlassen, deren architektonische Bedeutung heute umstritten ist. In dieser Serie sollen einige davon vorgestellt werden. Heute: Das Centrum-Warenhaus.

Die DDR-Geschichte des Centrum-Warenhauses verbindet sich bei vielen Dresdnern vor allem mit einem Ereignis: Hier verschwand 1984 ein fünf Monate altes Kind, geklaut aus dem Kinderwagen. Die Polizei ermittelte eifrig, doch die Spurensuche versandete vor den Albertstadt-Kasernen der sowjetischen Streitkräfte. Damit fand auch die unbekümmerte Tradition der Dresdner Mütter, den Kinderwagen mitsamt Inhalt vor dem Kaufhaus stehen zu lassen und so ungestört den Einkauf zu erledigen, ein jähes Ende.

Die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion dagegen bestimmte das äußere Erscheinungsbild des „Centrums“, das 1962 schon angedacht und 1968 zusammen mit dem Rundkino im zweiten Bauabschnitt der Prager Straße in Angriff genommen wurde. Die Aluminiumteile der Fassade, die sich zu dem charakteristischen kristallinen Relief fügen, waren sowjetischer Herkunft, ebenso wie die seitlich eingefügten Rolltreppen im Inneren. Zwar extrem schmal, aber immerhin: Nach dem Krieg rollten sie als erste und lange Zeit einzige in Dresden. Auch sonst ist das Gebäude ein Resultat des Ostblock-Zusammenschlusses RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe): Die ungarischen Architekten Ference Simon und Ivan Fokvari fertigten den Entwurf, nahmen sich aber die Centrum-Warenhäuser der DDR zum Vorbild. Damals gleißte schon die Aluminiumfassade der „Blechbüchse“ in Leipzig, und Berlin besaß ab 1970 ein kastenförmiges Warenhaus - ebenfalls rundum mit einem Aluminiumrelief versehen. Das Dresdner nun ist besonders markant: Über 340 Meter Fassadenlänge erstrecken sich lückenlos die futuristisch anmutenden dreidimensionalen Rhomben, ohne eine Schauseite zu bevorzugen, ohne einen Hinweis auf die Raumgliederung im Inneren. Allerdings bestand die Feuerwehr auf Zugangswegen, weshalb die kleinen sechseckigen Fenster-Durchbrüche entstanden. Immer noch wirkt der Quader ein wenig wie das blechgewordene Utensil eines utopischen Romans, fügt sich aber erstaunlich sensibel in die Häuserflucht der Prager Straße ein: Er ist nicht auf einer Linie mit aufgereiht, sondern einen Hauch gen Westen versetzt und schafft so einen sanften Übergang zur fünfziger-Jahre-Bebauung des Altmarkts. Bei der Eröffnung 1978 setzte der Komfort im Inneren neue Maßstäbe für die DDR-Konsumgesellschaft: Neben den Rolltreppen konnte das Warenhaus auf eine Klimaanlage verweisen, auf 10 400 Quadratmeter Verkaufsfläche (darunter eine Bar und eine schwer beachtete Heimwerkerabteilung) und auf einen mechanisierten Warentransport hinter den Kulissen.

Für den neuen Nachwende-Besitzer Karstadt erwies sich das Warenhaus jedoch als wenig geeignet für die modernen Ansprüche des gewandelten Konsumverhaltens. 1994 ließ man zwar erst mal den Plan fallen, das Haus an- oder umzubauen oder gar abzureißen, weil der Bau des neuen Karstadt-Gebäudes Vorrang hatte. Aber ganz vom Tisch sind die Pläne nicht, obwohl einige Millionen Euro in die Modernisierung flossen. Trotzdem würde sich der Bau gegen eine Nutzung versperren: „Wir bräuchten eine zentrale Rolltreppenanlage, das ist aber aus statischen Gründen nicht möglich“, sagt der Dresdner Karstadt-Leiter Wolfgang Wirz. Zur Zeit hätte man eine „mittelfristige Lösung“ für das Gebäude gefunden: Die Sportabteilung auf zwei Etagen, ein Schnäppchenmarkt im Untergeschoss, der Rest besteht aus einem „Nahversorgersortiment“ – mit dem Ergebnis, dass das ehemalige Centrum einem unübersichtlichen Restpostenmarkt gleicht und von Kunden nur spärlich besucht wird. „Wir machen Verluste mit dem Haus“, sagt Wirz, und: „Eine Projektgruppe prüft, wie wir das Gelände entwickeln können.“ Ob das Ergebnis Abriss oder Umbau heißt oder alles bleibt, wie es ist, könne er aber nicht sagen. Sicher sei nur, dass das Grundstück nicht verkauft wird: „Es ist schließlich sehr wertvoll“.

Die Stadt steht etwaigen Umbauplänen nicht im Weg, sagt auch Baubürgermeister Herbert Feßenmayr (CDU): „1992 hat der Stadtrat einen Plan verabschiedet, der für diese Stelle eine dichtere Bebauung vorsieht.“ Danach sollen die 18 Meter Breite, die die Prager Straße vor dem Krieg aufwies, bis zu den Treppen in Rundkino-Höhe wieder hergestellt werden. Der Platzähnliche Charakter zwischen den beiden Karstadt-Gebäuden würde dann einer schmaleren Passage weichen: „Eine funktionierende Einkaufsstraße braucht Enge“, sagt Feßenmayr dazu.

Es ist also zweifelhaft, ob die Dresdner noch lange den Silberwürfel sehen werden. Unter Denkmalschutz steht er nicht. „Da ist noch keine abschließende Entscheidung gefällt worden“, sagt Hartmut Ritschel vom sächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Die Chancen scheinen fifty-fifty zu stehen: Während die Leipziger Blechbüchse denkmalgeschützt ist, will die Galeria Kaufhof beim ehemaligen Berliner Centrum-Warenhaus das Blech gegen Sandstein austauschen. Künstler dagegen haben die Dresdner Aluminium-Vielecken längst für sich entdeckt: Olaf Nicolai baute für das Kunstprojekt „City-Index“ eine Lampe aus 16 Centrum-Waben und versinnbildlichte damit ostdeutsche Gestaltungskultur. Für den Seetor-Wettbewerb entwickelten Oliver Elsner und Lotte Lyon ein „C-Tor“, einen Fassadenausschnitt des Warenhauses, davor schlängeln sich die alten „Centrum“-Buchstaben. Das Warenhaus markierte schließlich auch im Sozialismus das Zentrum der Stadt.