Zum Neubau des Glaskugelhauses
SZ vom 20. Juni 2005

Zu kurz gesprungen
Dresden hat gegenüber dem Hauptbahnhof wieder ein Kugelhaus, doch was für eins!
Von Falk Jaeger

Kugelhäuser sind – zu Recht – ein seltener Bautypus. Häuser in Kugelform geisterten immer wieder durch die Köpfe der Architekturtheoretiker, gebaut wurden sie nicht. Der französische Revolutionsarchitekt Boullée erdachte im Jahr 1784 ein riesenhaftes Leergrab für Isaak Newton, sein Kollege Ledoux entwarf das „Haus des Flurwächters“ als Kugel. Ein Entwurf, der allerdings vor wenigen Jahren in Frankreich als drollige Autobahnraststätte realisiert wurde. Iwan Leonidow schlug den Bau typus 1927 für das Lenin-Institut in Moskau vor.

Immer ging es den Baukünstlern um die symbolische Form. Die bautechnischen und die funktionalen Probleme verhinderten jedoch die Realisierung. Kugelförmige Häuser sind teuer zu bauen und bringen jeden Bauleiter zur Verzweiflung. Unpraktischeres gibt es nicht, unten stolpert man über die Spanten, im Obergeschoss stößt man sich den Kopf. Möbel dafür gibt’s höchstens in Hellerau nach Maß.

Kein Wunder, dass das „erste Kugelhaus der Welt“ in Dresden als Unikat zum Mythos wurde. 1928 wurde es auf dem Ausstellungsgelände am Großen Garten errichtet, zehn Jahre später stießen sich die Nationalsozialisten an dem „undeutschen“ runden Ding und räumten es beiseite.

Ist der Mythos noch am Leben? Braucht Dresden ein neues Kugelhaus? Mit 40 Läden darin, einem Meissener Porzellanladen im Erdgeschoss und einem Restaurant unter der Kuppel wie damals?

Symbol der Vollkommenheit?

Die Idee war eine andere. Dresden ist Wissenschaftsstadt, Dresden ist Standort für High-Tech-Industrie. Die Kugel als Symbol mathematischer, physikalischer und geistiger Vollkommenheit sollte als Gehäuse für ein Wissenschaftszentrum am Wiener Platz bemüht werden. Doch die ökonomische und gesellschaftliche Realität hat mit Idealen ihre Probleme. Statt wissenschaftlicher Einrichtungen fanden sich nur kommerzielle Nutzer, und so wurde aus dem Wissenschafts- ein Kommerztempel.

Genau genommen dürfte es die Kugel nicht geben, denn sie nimmt einen Platz ein, den der Bebauungsplan als Bauwich zwischen zwei der fünf gegenüber dem Hauptbahnhof geplanten quaderförmigen Baukörper frei gehalten hatte. Dies ist auch der Grund, weshalb die Kugel nicht demonstrativ frei steht, sondern gerahmt und eingeklemmt zwischen zwei Geschäftshäusern städtebaulich nicht zur Wirkung kommt. Der Effekt verpufft, aus dem Kugelhaus wurde das Haus mit der Kugel.

So hält sich die Tragik in Grenzen, dass es dem Architekten Siegbert Langner von Hatzfeldt ohnehin nicht gelungen ist, seine Idealvorstellungen durchzusetzen. Seine Pläne zeigten eine luzide, transparente, nahezu frei gestellte Glaskugel mit kaum merklichen Brückenanschlüssen. Gebaut wurde eine geschlossene Platzwand mit Guckfenster, aus dem ein runder Bauteil hervorlugt, den das Auge nur mit Mühe zur Kugelform ergänzt. Weder ließ sich das Stahlrohrgerippe in der gewünschten Filigranität verwirklichen, noch war an gewölbte Glasscheiben zu denken. Ein gerundeter Deckenausschnitt der die Kugel rahmenden Dachplatte wäre wohl ebenfalls zu teuer gekommen.

Auch im Inneren rückte die raue Wirklichkeit dem architektonischen Ideal zu Leibe. Als offene Treppenhalle wäre der sphärische Raum schön zu erleben gewesen, doch die Mieter verlangten nutzbare Flächen, und so mussten die Geschossdecken bis an die Glashaut geführt werden. Einzig das derzeit im Ausbau befindliche Restaurant mit Aussicht unter der Kuppel im Zenit wird von räumlicher Extravaganz sein, womit die Hoffnung auf eine elegante Innenarchitektur verbunden ist.

Wozu die Kugel? Als Symbol ist sie inhaltsleer geworden, als architektonische Attraktion verblasst. Mit langem Anlauf kurz gesprungen, dieses Schicksal widerfährt gegenwärtig vielen hochfliegenden Bauprojekten. Investoren sind weniger denn je bereit, Geld für architektonischen Mehrwert auszugeben. Schlimmer noch, die herrschenden Produktionsverhältnisse verhindern auch Qualität dort, wo sie nicht mehr kosten würde, weil die Bauherren letztlich den Generalunternehmern, Kostencontrollern und teilweise kuriosen Verantwortlichkeitskaskaden mehr vertrauen als den früher dafür zuständigen Architekten.

Niedergang der Baukultur

Und so kommt es, dass der Architekt auf die Baustelle kommt und ein ungestaltes Dachgeschoss vorfindet, das der Bauherr ohne sein Mitwirken nachträglich aufsetzen ließ, weil er einen Mieter dafür akquirieren konnte. Was nützt da die Mühe des Architekten um fein profilierte Glasfassaden, transparente Eckzwickel oder die bewusste Horizontalteilung der Fassade zwischen Laden- und Bürogeschossen? Die Baukultur ist im Niedergang begriffen – die Architekten tragen daran nicht die Hauptschuld.