Der spröde Charme der Siebziger
Sächsische Zeitung vom 20.04.04

Die Planer der Prager Straße orientierten sich an der internationalen Moderne
Von Siiri Klose

Die sechziger und siebziger Jahre haben in Dresden viele Gebäude hinterlassen, deren architektonische Bedeutung heute umstritten ist. In dieser Serie sollen einige davon vorgestellt werden. Heute: Die Prager Straße.

Ein Liebespaar am Springbrunnenbecken vorm Rundkino. Die Sonne scheint, und Aufbruch liegt in der Luft. Die Prager Straße ist keine Wüste mehr, man kann dort einkaufen gehen, ins Kino oder ins Café. So muss es gewesen im Sommer 1978, als schließlich mit dem Centrum-Warenhaus das letzte Gebäude das Ensemble Prager Straße vervollständigte. Gerade 26 Jahre her, und doch hat sich in dieser Zeit der großzügige Charme der Flaniermeile zu einem Problem ausgewachsen. Zu breit dimensioniert wären die etwa sechzig Meter Freiraum zwischen dem langen Wohnriegel auf der Nordseite und den drei Hochhäusern gegenüber, sagen unzählige Kritiker. Tote Räume, die sich gegen eine Nutzung sperren, sind hinter den vorgerückten Pavillongebäuden entstanden. Dass die breiten Springbrunnen- und Grünanlagen in den letzten Jahren kaum gepflegt wurden, tat ein Übriges zur stiefmütterlichen Wahrnehmung der ehemaligen Prachtmeile.

Dabei ist „großzügig“ ein treffendes Wort, was sich im Zusammenhang mit der Prager Straße immer wieder aufdrängt. Die Städteplaner und Architekten hatten nach der Beräumung des innerstädtischen Trümmerfeldes eine riesige freie Fläche zur Verfügung, die es zu gestalten galt. Und sie hatten dabei mehrere Aufgaben zu bewältigen: „Wir hatten den Auftrag, die Prager Straße als zusammenhängenden Fußgängerbereich für den internationalen Tourismus zu gestalten. Das sollte mit der industriellen Baumethode erfolgen. Wir näherten uns also zwangsläufig der Moderne der zwanziger Jahre, was bedeutete: klar und einfach bauen“, sagt Hans Konrad, der 1962 zusammen mit Peter Sniegon und Kurt Röthig den Bebauungsplan projektierte. Einige Entwicklungen in der DDR-Baupolitik führten zu diesen Vorgaben: Da gab es 1958 den V. Parteitag, auf dem beschlossen wurde, dass bis 1962 die Ruinen aus den Stadtzentren zu verschwinden haben. Nach dem Prinzip Licht, Luft und Raum (und vor allem nicht so teuer und zeitaufwändig wie in der vorhergehenden Phase des „Nationalen Bauens“) sollte es anschließend zügig an den Wiederaufbau gehen. Dresden wollte sich als moderne Großstadt fühlen und orientierte sich an anderen. Vorbilder gab es viele, sagt Konrad: „Wir waren nicht isoliert, wir kannten die Bauzeitschriften aus der Bundesrepublik. Darin stand auch, was in Holland, Frankreich und England passierte. Überall brach eine neue Zeit an: Also auf zu neuen Ufern!“

Wohnungen für Dresdner, Hotels für Touristen

Vor allem die Einkaufsstraße Lijnbaan, die im ebenfalls kriegszerstörten Rotterdam 1952 fertig gestellt wurde, hatte einen großen Einfluss auf die Stadtplaner. Deren Mängel aber wollten sie nicht wiederholen, sagt Konrad: „Dieser Fußgängerbereich bestand nur aus Büros, Banken und Läden. Nach Feierabend war da Schluss. Deshalb haben wir auch Wohnungen geplant.“ So fügte sich eins zum anderen: Die Hotels für den internationalen Tourismus. Die Läden und Restaurants zum Flanieren. Springbrunnen und Hochbeete für gutes Klima und zum Verweilen. Ein Wohnblock für die Dresdner. Das Rundkino zum Amüsieren. Und vor allem: Viel Platz zum Bauen. Ein Passus in den 16 Grundsätzen des DDR-Städtebaus von 1950 besagte: „Die Bestimmung der städtebildenden Faktoren ist ausschließlich Angelegenheit der Regierung.“ Auf gut Deutsch: Um die Eigentumsverhältnisse von Grund und Boden mussten sich die Planer keine Sorgen machen. Der gehörte dem Staat und der wollte bauen. „Um den Raum zu kriegen, haben wir uns gedacht: hier die Kammstellung der Hotels im Westen mit den schmalen Verbindungsbauten dazwischen. Im Osten die geschlossene Wohnzeile. Die Pavillons davor zur Belebung des Ganzen“, sagt der mittlerweile 80-jährige Architekt und fügt an: „Auch Künstler haben daran mitgearbeitet.“ Ein bestimmter Teil der Bausumme musste für Kunst am Bau ausgegeben werden. Das „Dresden grüßt seine Gäste“-Wandbild am Restaurant „Bastei“ von Kurt Sillack und Rudolf Lipowski entstand. Heute ist es denkmalgeschützt, ebenso wie das Betonrelief am Hotel Newa. Auch die Brunnen, entworfen von der Künstlerin Leonie Wirth, stehen unter Denkmalschutz. Die beliebten Pusteblumen werden auch bei der Neugestaltung der Prager Straße wieder aufgestellt.

Neugestaltungskonzepte gab es nach der Wende zuhauf. Das Karstadt vervollständigte bald die bis dahin nicht fertig gestellte Nordseite. Richtung Hauptbahnhof verschwand das Begrüßungsbild hinter der Geschäftsimmobilie von Zoega & Lauschke. Die Verbindungsbauten zwischen den Hotels erhalten gerade neue Etagen. Das „Glashaus“ der Immobilien-Firma Oelschläger soll nächstes Jahr die Südseite komplettieren. Zumindest ein Plan scheint jetzt vom Tisch zu sein: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir den Wohnriegel abreißen“, sagt Woba-Sprecher Bernd Felgentreff. Die Woba als Besitzerin des Gebäudes überlegt, was sie mit den 600 Wohneinheiten anfangen könnte. Ein Wohnhaus aber soll es bleiben.

Noch etwas hat sich bewährt: Die Stadtplaner der sechziger Jahre dachten in großen Dimensionen. Sie lösten den Verkehr aus der Prager Straße und umführten ihn über die Petersburger Straße und die Caro-labrücke bis zum Albertplatz. Deshalb haben die Dresdner eine Flaniermeile, die sich vom Wiener Platz über den Altmarkt, die Augustusbrücke und Hauptstraße bis zum Albertplatz zieht. Im nächsten Teil der Serie am 27.4. geht es ums Centrum-Warenhaus.