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Die Planer der Prager Straße orientierten sich an der internationalen
Moderne
Von Siiri Klose
Die sechziger und siebziger Jahre haben in Dresden viele Gebäude hinterlassen,
deren architektonische Bedeutung heute umstritten ist. In dieser Serie
sollen einige davon vorgestellt werden. Heute: Die Prager Straße.
Ein Liebespaar am Springbrunnenbecken vorm Rundkino. Die Sonne scheint,
und Aufbruch liegt in der Luft. Die Prager Straße ist keine Wüste
mehr, man kann dort einkaufen gehen, ins Kino oder ins Café. So muss
es gewesen im Sommer 1978, als schließlich mit dem Centrum-Warenhaus
das letzte Gebäude das Ensemble Prager Straße vervollständigte. Gerade
26 Jahre her, und doch hat sich in dieser Zeit der großzügige Charme
der Flaniermeile zu einem Problem ausgewachsen. Zu breit dimensioniert
wären die etwa sechzig Meter Freiraum zwischen dem langen Wohnriegel
auf der Nordseite und den drei Hochhäusern gegenüber, sagen unzählige
Kritiker. Tote Räume, die sich gegen eine Nutzung sperren, sind hinter
den vorgerückten Pavillongebäuden entstanden. Dass die breiten Springbrunnen-
und Grünanlagen in den letzten Jahren kaum gepflegt wurden, tat ein
Übriges zur stiefmütterlichen Wahrnehmung der ehemaligen Prachtmeile.
Dabei ist „großzügig“ ein treffendes Wort, was sich im Zusammenhang
mit der Prager Straße immer wieder aufdrängt. Die Städteplaner und
Architekten hatten nach der Beräumung des innerstädtischen Trümmerfeldes
eine riesige freie Fläche zur Verfügung, die es zu gestalten galt.
Und sie hatten dabei mehrere Aufgaben zu bewältigen: „Wir hatten den
Auftrag, die Prager Straße als zusammenhängenden Fußgängerbereich
für den internationalen Tourismus zu gestalten. Das sollte mit der
industriellen Baumethode erfolgen. Wir näherten uns also zwangsläufig
der Moderne der zwanziger Jahre, was bedeutete: klar und einfach bauen“,
sagt Hans Konrad, der 1962 zusammen mit Peter Sniegon und Kurt Röthig
den Bebauungsplan projektierte. Einige Entwicklungen in der DDR-Baupolitik
führten zu diesen Vorgaben: Da gab es 1958 den V. Parteitag, auf dem
beschlossen wurde, dass bis 1962 die Ruinen aus den Stadtzentren zu
verschwinden haben. Nach dem Prinzip Licht, Luft und Raum (und vor
allem nicht so teuer und zeitaufwändig wie in der vorhergehenden Phase
des „Nationalen Bauens“) sollte es anschließend zügig an den Wiederaufbau
gehen. Dresden wollte sich als moderne Großstadt fühlen und orientierte
sich an anderen. Vorbilder gab es viele, sagt Konrad: „Wir waren nicht
isoliert, wir kannten die Bauzeitschriften aus der Bundesrepublik.
Darin stand auch, was in Holland, Frankreich und England passierte.
Überall brach eine neue Zeit an: Also auf zu neuen Ufern!“
Wohnungen für Dresdner, Hotels für Touristen
Vor allem die Einkaufsstraße Lijnbaan, die im ebenfalls kriegszerstörten
Rotterdam 1952 fertig gestellt wurde, hatte einen großen Einfluss
auf die Stadtplaner. Deren Mängel aber wollten sie nicht wiederholen,
sagt Konrad: „Dieser Fußgängerbereich bestand nur aus Büros, Banken
und Läden. Nach Feierabend war da Schluss. Deshalb haben wir auch
Wohnungen geplant.“ So fügte sich eins zum anderen: Die Hotels für
den internationalen Tourismus. Die Läden und Restaurants zum Flanieren.
Springbrunnen und Hochbeete für gutes Klima und zum Verweilen. Ein
Wohnblock für die Dresdner. Das Rundkino zum Amüsieren. Und vor allem:
Viel Platz zum Bauen. Ein Passus in den 16 Grundsätzen des DDR-Städtebaus
von 1950 besagte: „Die Bestimmung der städtebildenden Faktoren ist
ausschließlich Angelegenheit der Regierung.“ Auf gut Deutsch: Um die
Eigentumsverhältnisse von Grund und Boden mussten sich die Planer
keine Sorgen machen. Der gehörte dem Staat und der wollte bauen. „Um
den Raum zu kriegen, haben wir uns gedacht: hier die Kammstellung
der Hotels im Westen mit den schmalen Verbindungsbauten dazwischen.
Im Osten die geschlossene Wohnzeile. Die Pavillons davor zur Belebung
des Ganzen“, sagt der mittlerweile 80-jährige Architekt und fügt an:
„Auch Künstler haben daran mitgearbeitet.“ Ein bestimmter Teil der
Bausumme musste für Kunst am Bau ausgegeben werden. Das „Dresden grüßt
seine Gäste“-Wandbild am Restaurant „Bastei“ von Kurt Sillack und
Rudolf Lipowski entstand. Heute ist es denkmalgeschützt, ebenso wie
das Betonrelief am Hotel Newa. Auch die Brunnen, entworfen von der
Künstlerin Leonie Wirth, stehen unter Denkmalschutz. Die beliebten
Pusteblumen werden auch bei der Neugestaltung der Prager Straße wieder
aufgestellt.
Neugestaltungskonzepte gab es nach der Wende zuhauf. Das Karstadt
vervollständigte bald die bis dahin nicht fertig gestellte Nordseite.
Richtung Hauptbahnhof verschwand das Begrüßungsbild hinter der Geschäftsimmobilie
von Zoega & Lauschke. Die Verbindungsbauten zwischen den Hotels erhalten
gerade neue Etagen. Das „Glashaus“ der Immobilien-Firma Oelschläger
soll nächstes Jahr die Südseite komplettieren. Zumindest ein Plan
scheint jetzt vom Tisch zu sein: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass
wir den Wohnriegel abreißen“, sagt Woba-Sprecher Bernd Felgentreff.
Die Woba als Besitzerin des Gebäudes überlegt, was sie mit den 600
Wohneinheiten anfangen könnte. Ein Wohnhaus aber soll es bleiben.
Noch etwas hat sich bewährt: Die Stadtplaner der sechziger Jahre dachten
in großen Dimensionen. Sie lösten den Verkehr aus der Prager Straße
und umführten ihn über die Petersburger Straße und die Caro-labrücke
bis zum Albertplatz. Deshalb haben die Dresdner eine Flaniermeile,
die sich vom Wiener Platz über den Altmarkt, die Augustusbrücke und
Hauptstraße bis zum Albertplatz zieht. Im nächsten Teil der Serie
am 27.4. geht es ums Centrum-Warenhaus.
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