Zum Neubau an der Palucca-Schule
SZ vom 11. April 2006

Tanzen lernen auf der Bühne
Von Uwe Salzbrenner

Architektur. Heute wird der Neubau der Palucca Schule Dresden feierlich übergeben.

Zeitgenössische Architektur inszeniert in den besten Fällen nicht nur eine Stadt neu, um sie durch Extravaganz zu loben. Sondern sie geht sensibel mit dem Vorgefundenen um. Bereits der noble, wie ein U geschwungene Altbau der Palucca Schule am Basteiplatz wurde damals der Traufhöhe der umliegenden Villen angepasst. Der Mittelbau nimmt das Rund des Platzes mit seiner konkaven Wölbung auf. Der Entwurf des Hannoveraner Architekturbüros Storch, Ehlers und Partner zur Erweiterung der Schule führt diesen Rhythmus fort in einem harmonisch zweimal im Verhältnis zwei zu eins geteilten Neubau, in dem Tanzsäle, Physiotherapie und das Internat untergebracht sind. Die Vogelperspektive zeigt einen kompakten Würfel, der von Stahlbaukorridor und gemächlich ansteigender Freilufttreppe zerschnitten wird.

Hell, hoch und licht

Von der Tiergartenstraße aus wirken die beiden Glasfronten der Tanzsaalbauten aus Ortbeton mit ihren frei gestellten Ecken inmitten des denkmalgeschützten Ensemb les wie Exponate einer Ausstellung. Die Architektur betont die Bühnensituation, die Zukunft der Schüler und Studenten werden soll: Um Traufhöhe und Grundfläche nicht zu überschreiten, wurden die Tanzsäle gestapelt. Der Garten sinkt zum Neubau hin ab und wird von einer Treppe abgeschlossen. Mittänzer wie Besucher können von dort aus die Ausbildung beobachten. „Tanzen ist ein öffentlicher Beruf“, meint Rektor Enno Markwart. Die Öffnung ist im Sinne der Lehre, die nötige Konzentration erlernbar. Storch und Ehlers hatten bereits für ihren Entwurf des Dresdner Kongresszentrums das Elbufer treffend als Bühne begriffen.

Hell, hoch und licht wirken die neuen Säle, was von den Tanzenden als Freiheit empfunden wird. Aber die Säle sind auch streng: Sichtbeton, Lampen am viereckigen Deckensegel, darüber offen die Lüftung. Das gibt nichts vor und dürfte so in Paluccas Sinne sein. Nicht zu sehen ist, dass die Säle die beste Variante eines Schwingbodens bekommen haben, Fußbodenheizung, Wärmeschutzverglasung; auch die Akustik stimmt. Die Säle 1 und 2 können zu einem Bühnenraum mit Rundhorizont und Tribüne kombiniert werden. Die einzige (und entbehrliche) Extravaganz am Glasbau, welche das „Hingewürfelte“ jugendlich leicht und die Beobachtung doppelt deutlich machen soll: Die mit breiten Rahmen betonten Fenster in der Glasfront wiederholen die Farben der Saaltüren.

Die Verbindung trennt zugleich

Die Internatsgebäude an der Wiener Straße, zwei weiß verputzte Ziegelbauten, wirken abweisend. Der Eingang der Schule führt weiterhin durch den Altbau, der jetzt zur Sanierung ansteht. Die durch dessen Achse bestimmte Stahlbauverbindung zwischen Tanzsälen und Internat ist ein Laufsteg geworden. Lochbleche an den langen, verdunkelnden Treppen, Lichtband, Bauscheinwerfer, Trapezblechdeckenrhythmen. Da helfen nicht die farbig gefassten Innenfenster, nicht die Stabplastik von Roland Fuhrmann, die an eine Tanzfigur der Palucca erinnert: Die Verbindung zu Altbau und Wohnbereich trennt zugleich. Die Architekten haben die Bauten thematisch drastisch aufgeteilt. Die Tanzsäle wirken wie ein lichtes Zentrum des neu geschaffenen Campus. Die Villen sorgen für den Abstand zur Tiergartenstraße. Der Bereich für Arbeit und Wohnen im Süden nimmt die Glaskuben schützend in die Klammer.