Neue Synagoge
Schalom Dresden: ein modernes jüdisches Gotteshaus am Rande der Altstadt - doch mitten unter uns.

 

Architekten: Wandel, Lorch und Hirsch
          (Nikolaus Hirsch, Wolfgang Lorch, Andrea Wandel)
Bauzeit:     _2001
Bauherr:      Jüdische Gemeinde Dresden
Adresse:
.    Am Hasenberg / Rathenauplatz


Am Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge Dresdens, dem 9. November, wurde 2001 - nach mehr als 60 Jahren - die neue Synagoge eingeweiht. Die dritten Preisträger des 1997 international ausgelobten Architektenwettbewerbs, das Architekturbüro Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch aus Saarbrücken, wurden mit der Realisierung beauftragt. Sie knüpften an dem selben Ort an, an dem 1833 Gottfried Semper die erste Synagoge errichtet hatte: am Ende der Brühlschen Terrassen.

Auszeichnung: Beste Europäische Architektur 2002

Neben der Mediathek in Lyon von Perrault wurde die Synagoge von Wandel Hoefer Lorch+Hirsch als beste europäische Architektur 2002 ausgezeichnet.
www.world-architecture.com


Baukörper:
Ein Sakralbau mit in sich nach Osten gedrehten Kubus - die Gebetsrichtung nach Jerusalem. Die gewählte Würfelform orientiert sich an den ersten Tempeln der Israeliten, knüpft so an ursprüngliche Rituale und traditionelle Symbole an.
Die Synagoge ist ein Ort der Andacht und des Gebets.
Auf Fenster wurde verzichtet, da sie die monumentale Wirkung der Wandflächen zerstören würden, vielleicht auch um nicht ein zweites Mal Glasscheiben klirren zu hören.

Die 34 Schichten aus Formsteinmauerwerk des 24 Meter hohen Gotteshauses drehen sich schraubenförmig nach oben bis sie die exakte Ausrichtung nach Osten erreicht haben. Deren Reiz liegt gerade in jener eleganten Drehung und der feinen Stufung der Quaderblöcke. Nichts Verspieltes, Dekorierendes findet man an diesem ernsten, konzentrierten Bau, der ganz der inneren Sammlung dient. Der kraftvolle, unerschütterliche Gesamteindruck der Synagoge hat auch keinen weiteren Schmuck oder andere Zeichen nötig. Wie ein Bollwerk steht der blockhafte Bau an den vorbeirauschenden Verkehrsströmen und setzt auf Entschleunigung, Besinnung und introvertierte, in sich gekehrte Meditation. Architektur gegen die Hast.
Die provokante äußere Glätte der monochromen profilosen Fassade entspricht ganz dem heutigen architektonischen Zeitgeist - stört aber in diesem Fall weniger, da die Kommunikation nachvollziehbar ganz nach innen gerichtet ist.

Material:
massiver Formstein mit Sandsteincharakter, analog der Klagemauer Jerusalem. Montage des original erhaltenen Davidsterns über dem Eingangsportal des Gebetshauses

Eingangsbereich:
Das Eingangstor ist eine zweiflüglige Holztür von 2,2 Meter Breite und 5,5 Meter Höhe. Der vergoldete Davidstern, das einzige gerettete Originalstück der Sempersynagoge, wurde direkt über den Türflügeln angebracht. Der Dresdner Feuerwehrmann Alfred Neugebauer rettete ihn nach der Progromnacht. Über dem Tor steht außerdem in goldenen hebräischen Lettern die Inschrift der alten Sempersynagoge: "Mein Haus sei ein Haus der Andacht allen Völkern".


Kontrast aus Dauerhaftem und Provisorischem

Innenraum
Alle erforderlichen Elemente eines jüdischen Gottesdienstes finden sich in der neuen Synagoge wieder. Der Thoraschrein (die Thora sind die fünf Bücher Moses, die in einem Schrein am Ostende der Synagoge aufbewahrt werden), das Lesepult, das ewige Licht, sowie natürlich Sitzreihen und Empore, alles umschlossen von einem symbolischen Stiftszelt (diente Moses zur Andacht und zum Schutz) aus Metallgeflecht. Gerade dieser festliche, golden flirrende Vorhang, der die betende Gemeinde wie ein schützendes Tuch umschließt, birgt eine wunderschön lyrische Poesie.
Er symbolisiert zudem das Flexible, Aufbrechende des Judentums, während der steinerne Tempel an sich das ewig Währende, Unauslöschliche des jüdischen Glaubens zum Ausdruck bringt.
Tempel- und Zeltmotive also als architektonische Grunderfahrung des Judentums.

Gemeindezentrum:
Verlässt man das Gotteshaus gelangt man über den baumbestandenen Innenhof zum Gemeindehaus. Dieser 1400 qm große 3-geschossige Funktionalbau mit Foyer dient als Mehrzweckgebäude für die Jüdische Gemeinde Dresden und als Haus der Begegnung mit dem Judentum.
Im Gemeindesaal finden Veranstaltungen und Konzerte für ca. 300 Gäste statt. 39 Fenster schaffen eine helle, freundliche Atmosphäre. Eine Bibliothek, Verwaltungsräume, ein Sitzungszimmer und Schulungsräume sowie das Arbeitszimmer des Rabbiners sind in den zwei Obergeschossen untergebracht. Die Gemeinderäume sind durch die zum Hof geöffnete Glasfront von Nordlicht durchflutet.

Innenausstattung von den Deutschen Werkstätten Hellerau (DWH)
Die edel zurückhaltende, aber äußerst solid handwerkliche Ausstattung wurde in den traditionsreichen Deutschen Werkstätten Hellerau angefertigt. Im Bild ist ein Ausschnitt aus dem geschlossenen Thoraschrein zu erkennen mit einem modernen Muster, welches den sechseckigen Davidstern flächig in wiederkehrender Folge auflöst.
Die Firma DWH fertigte u.a. auch die Möbel für den neuen Sächsischen Landtag, die Semperoper, für das Kongresszentrum, Stadtarchiv Dresden und Schloss Wachkerbarth - siehe: www.dwh.de


Führungen unter:
Jüdische Gemeinde zu Dresden
Synagoge
Hasenberg 1
01067 Dresden
Tel:0351 - 656070

Architekturkritiken:
www.juedisches-archiv-chfrank.de

Zur alten Dresdner Semper-Synagoge siehe unter: "Synagogen in Deutschland. Eine virtuelle Rekonstruktion" http://www.ifa.de/kunst/synagogen/index.htm bzw.
www.cad.architektur.tu-darmstadt.de/synagogen/inter/menu.html

 

Thoraschrein (Anfertigung Deutsche Werkstätten Hellerau  (DWH) 2001, Foto: Lukas Roth, Köln


Die virtuell rekonstruierte alte Dresdner Synagoge von Gottfried Semper.
An der TU Darmstadt, Fachgebiet CAD in der Architektur, werden seit 1995 Synagogen, die 1938 von den Nazis zerstört worden sind, am Computer rekonstruiert. Mit der Rekonstruktionen soll der kulturelle Verlust aufgezeigt werden. Gleichzeitig gilt es, die bauhistorische Bedeutung der Bauwerke in Erinnerung zu rufen, die Teil deutscher Städte und Straßenbilder waren, Teil der deutschen Kultur. Das Projekt geht der Frage nach wie mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstechnologien neue Formen des kulturellen Gedächtnisses gebildet werden können.