Ehem. Luftgaukommando IV
Nach 1945 Sächsischer Landtag, jetzt: Staatsbehörden - u.a. Bundeswehr

Monumentalität, Disziplin und Propaganda

 

Architekt:   Wilhelm Kreis
Plastiken:   Karl Albiker
Bauzeit:     1938
Wiederaufbau zerstörter Teile: 1945 von Wolfgang Rauda
Adresse:    August Bebel- Straße 19

Der ausgedehnte Gebäudekomplex des ehemaligen Dresdner Luftgaukommandos beherbergte bis 1945 das Luftgaukommando IV der deutschen Luftwaffe. Nach Beendigung des II. Weltkrieges diente das Gebäude bis 1952 der Landesregierung und dem Sächsischen Scheinparlament einer "Einheitsfront". Heute ist das Gelände eingeschränkt öffentlich zugänglich.

"Eines der wenigen öffentlichen Gebäude, die zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Dresden entstanden, war für das Luftgaukommando bestimmt. Den Wettbewerb gewann mit Wilhelm Kreis einer der bemerkeswertesten Architekten, der damals in Dresden tätig war. Er konzipierte den Komplex mit einer Hauptmagistrale, die direkt auf das dreigeschossige Hauptgebäude zuführt. Zu deren Seiten sind jeweils drei zweigeschossige Gebäude parallel angeordnet. Den einzigen Schmuck des stengen Baues bildet der Figurenfries "Fliegender Genius" über der portikusähnlichen Eingangshalle von Karl Albiker, Rodin-Schüler und Professor der Dresdner Akademie. Bis 1990 wurde das Gebäude von der Militärakademie "Friedrich Engels" genutzt. Seit 1990 sind u.a. Dienststellen der Bundeswehr untergebracht."
(Architekturführer Dresden, 1997)

Die Militäranlage wurde ebenso wie das Hygiene-Museum inmitten eines Gartens seiner königlichen Majestät hineinge- baut, deren Grundstücke fast ausnahmslos nach der Revolution 1918 vom Freistaat Sachsen enteignet worden waren. Einige alte Bäume des ehemaligen Parks sind immer noch auf dem Gelände vorhanden. (Foto: Park im Garten der königlichen Villa, Aufnahme: vor 1938)




Kantige Modernität und irritierend pessimistische Kunst

Das Albiker-Relief ordnet sich in das Gestaltungsprinzip der Hauptfassade unter. Über die gesamte Breite der fünf hochstehenden Fensterformate zieht sich
der längliche Fries mit der idelaisierten Heldengestalt, umrahmt von hämmernden Männerfiguren. Der "Genius", welcher als Ikarusassoziation in der griechischen Mythologie an seiner eigenen Hybris verbrennt, muss sich seltsam beugen, damit er in den niedrigen Fries hineinpasst, anstatt, wie sicher von der Aussage des Künsters gewünscht, sieghaft hinauf zu fliegen. Liest man das Relief von links nach rechts läßt ein seltsamer Eindruck von Rückwärtsfallen erstaunliche Skepsis aufkommen. Oder war gerade dieser feine subtile Zweifel an der pathetisch aufgeblähten Nazipropaganda von Albiker gewollt?
Zusätzlich zum Albiker-Relief finden sich am Hauptgebäude 12 dekorierende Reliefs über den Erdgeschossfenstern, die die Sternkreiszeichen darstellen (im Bild: Widder). Weiterer Schmuck findet sich u.a. in den kantigen Obelisken, die den Herrschaftsanspruch dieses Gebäudekomplexes hart unterstreichen, mit jeweils dreiarmigen Leuchtern an den Seiten, aber auch im Inneren des Haupthauses.
Ein großteil der schmückenden Ausgestaltung mit Relieftafeln, Wandbildern und freistehenden Skulpturen ist nach 1945 abgeschlagen worden. Das Albiker-Relief konnte nur durch Proteste der Kunstakademie-Studenten und später von Lea Grundig vor einer bilderstürmenden Zerstörung bewahrt werden.


Strenge Axialität als Gegenprinzip zur freiheitlichen Stadt

Typisch für die Betonung einer vermeintlich "urdeutschen" Architektur sind auch hier das hohe Walmdach, hochstehende Fenster und eine strenge, hervorgerückte Eingangshalle aus Travertinstein, die den zentralen Versammlungssaal durch fünf über zwei Geschosse verlaufende Fenster auch von außen erkennen läßt.
Die auf diese Halle zulaufende Symmetrie der Haupt-magistrale inszeniert straffe Ordnung, Hierarchie und Führerprinzip auf suggestive Weise. Die Welt erscheint in dieser Wehrmachtsanlage zwingend in einem orthogonalen Raster, planbar, auf gewaltsame (Unter-) Ordnung und Disziplin ausgerichtet, unter Aufgabe von Individualität und persönlicher Freiheit.
Die identischen kammartigen Seitenflügel des Komplexes sind in Stil und Duktus dem Hauptgebäude untergeordnet, bestehen ebenso aus einer Putzfassade, desen Vorderfront durch eine mittelseitige Betonung in Werkstein hervor-gehoben wird. Die Seitenflügel sind alle mit noch niedrigeren Verbindungsgängen optisch, funktional und symbolisch als eine Einheit zusammengefaßt.




Internationale Architektur- und Städtebauströmungen

Ein vergröbernder Neoklassizismus und national
auftrumpfender Monumentalismus, der Tradition und Aufbruch in die Moderne heroisch zu verknüpfen suchte, ist in den 30er und 40er Jahren weltweit anzutreffen, so z.B. in der Central Library in Manchaster 1934 (Foto), am Trocadero Paris zur Weltausstellung 1937 oder an vielen staatlichen Gebäuden in den USA, wie z.B. in Washington die National Gallery of Art 1936-40 oder das national-pathetische Jefferson Memorial an der Mall 1934-36, in Italien (Esposizione Universale- Weltausstellung 1942 und Città Universitaria 1932-34 in Rom), der UdSSR (Lenin-Mausoleum 1930), in Tokio das Parlamentsgebäude (vollendet 1936) oder in Argentinien (Universität Buenos Airos). Bereits der Palast des Völkerbundes 1927 in Genf hatte einen Sieg des klassizistisch orientierten Traditionalismus bedeutet, da sich der Entwurf des Schweizers Hans Meyer gegenüber dem eigentlichen Wettbewerbssieger Le Corbusier letztlich durchsetzen konnte.
Man könnte die These aufstellen, die schwere monumentale Neoklassik war auch ein "Internationaler Stil", bevor die damaligen Theorien der enthistorisierten deutsch-schweizer Bauhausmoderne weltweit Verbreitung fanden. Diese war zwar nicht minder pathetisch, setzte aber weniger auf Klassizität und klassische Ordnungssysteme wie Symmetrie und Achsen in Fortführung tradierter Herrschaftsgesten und Welterklärungsmodelle. Selbstverständlich gibt es eine Unmenge Mischformen und fließender Übergänge, wie z.B. die italienische Kunsthistorikerin Donata Pizzi kürzlich in ihrer Ausstellung "Metaphysical Cities" über Architektur neuer Städte der 30er und 40er in Italien und Nordafrika aufzeigte. (Im faschistischen imperialen Italien suchte man eine Begegnung von Modernität und Tradition durch eine Verbindung von Esprit Nouveau und albertinischer Civitas zu erreichen.)



Städtebaulich erinnert die Dresdner Anlage von Kreis an das neue Regierungsviertel in der türkischen Hautpstadt Ankara, das von Hermann Jansen und Clemens Holzmeister 1934-38 in ähnlichen Prinzipien (Axialität, Symmetrie, perspektivische Zielausrichtung) für die Einparteien-Republik Atatürks gebaut wurde. Die moderne Neoklassik wirkte dort bis in die 50er Jahre, wie z.B. am Atatürk-Mausoleum 1944-1950. (2 Fotos von TK 2004.)
Die beiden neuen Hauptstädte Moskau (seit 1922) und Ankara (seit 1923) orientierten sich beide an imperialer Klassizität, allerdings wie auch Washington aus unter-schiedlichen klassizistischen Prägungen ("Beaux-Arts-Architecture" um 1900, St. Petersburger Klassizismus). Selbstverständlich wirkten diese internationalen Impulse der 30er Jahre auch auf Deutschland zurück.


Kreis - ein politischer Wendehals

Der Architekt Professor Wilhelm Kreis (1873 bis 1955) ist einer der umstrittensten Baumeister des 20. Jahrhunderts. Als politisch instinktvoller Wendehals hat er es fertig gebracht, von der Kaiserzeit, über die Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus bis in die westdeutsche Bundesrepublik erfolgreich tätig zu sein. Das umfangreiche Schaffen umfasste auch den Bau von Fabriken, Kur- und Warenhäuser, Museen, den Bahnhof Meißen oder Möbel für den Deutschen Werkbund. Auch das Deutsche Hygiene-Museum (1927--1930) sowie die neue Augustusbrücke (1907- 10) in Dresden sind von Kreis.


„Ich wollte stets monumental arbeiten"

sagte Kreis nach dem Krieg. „Und dazu benötigt man die entsprechenden Auftraggeber." Den Hang zum Monumentalen verdankte Kreis seinem Lehrer August von Thiersch in München. Paul Wallot berief den jungen Architekten 1899 an die Dresdner Kunstgewerbeschule, wo er ab 1902 eine Professur innehatte. Bereits vor seiner Berufung war Kreis durch die Entwürfe für die so genannten Bismarck-Türme bekannt geworden (insgesamt 46 gebaut).

Kurzbiografie:
1893-97 Studium an der TH München, Karlsruhe, Berlin-Charlottenburg und Braunschweig.
1899 Assistent bei Paul Wallot (Ständehaus Dresden)
1902-08 Professor an der Kunstgewerbeschule Dresden 1909-20 als Nachfolger von Peter Behrens.
1920-26 Professor an der TH Dresden
1927 Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste Berlin.
bis 1941 Leitung der Architekturabteilung der Staatlichen Hochschule in Dresden (ab 1938 als deren Rektor)
in der Nazizeit Generalbaurat für deutsche Kriegerfriedhöfe

1954 - Entwurf für den Neubau der Bonner Beethovenhalle "leicht. gläsern, freundlich zwischen Bäumen liegend.
Das Dach tänzelt auf hochhackigen Stahlbetonstilettos einher, alles in diesem Entwurf war gläsern und schwebend." (www.perlentaucher.de)

siehe auch: DNN-Artikel (100 Dresdner des Jahrhunderts)


Karl Albiker

1919-45 Professor an der Akademie der bildenden Künste in Dresden.

Karl Albiker vertrat die damals vorherrschende akademische Kunstauffassung: eine Klassik, die es zu kopieren galt - das Zeichnen vor der Natur, die zeitlose Statik und Harmonie der Gestalten. Zumindest für den Lernenden gab es einen anderen Weg zur Kunst. Albiker hatte in Paris studiert, dort Rodin kennengelernt, den er bewunderte. Dessen Wort, man müsse ,,nicht nur mit den Augen sehen, sondern mit dem Verstand" hat ihn stark beeinflusst.


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Luftgaukommando, Aufnahme 1939
Luftgaukommando, Aufnahme 1939 Ehemaliges Luftgaukommando in Dresden  von Wilhelm Kreis - Aufnahme 2003
Blick in die Anlage Ehemaliges Luftgaukommando Dresden - Relieffries von Karl Albiker, Schüler von Rodin
Bauplastik von Karl Albiker Karl Albiker "Fliegender Genius" - Reliefplastik, Aufnahme 1939
Karl Albiker "Fliegender Genius" - Reliefplastik, Foto: 1939
Haupteinang mit Albiker-Relief
"Block G"
Blick auf die Hauptachse
Fenstergewände und Bauplastik
Freitreppe zum Eingang + Steinobelisk
Foyer mit Treppenaufgang
Detail Treppengeländer

Grundriss Luftgaukommando. Quelle: W.Nerdinger, E.Mai: Wilhelm Kreis, 1994
Grundriss Luftgaukommando, Vergrößerung

 




Landesregierung Sachsen, 1950 - im Gebäudekomplex des ehem. Luftgau- kommando IV - unten ebd.




Beratung des Sächsischen Landtages 1946, vorn links: Otto Grotewohl, dann Fritz Große, Felix Kaden

Aufbau nach dem Krieg: Wolfgang Rauda

Die zu etwa 1/4 zerstörte Anlage wurde bereits ab August 1945 von Prof. Wolfgang Rauda für das neue, kommunistisch gelenkte Sächsische Scheinparlament der "Einheitsfront" wiederhergestellt. Erstaunlich ist, daß diese Wiederher-stellung des militärischen NS-Baus für diesen Zweck bis ins äußere Detail geschah. Der komplett zerstörte Flügel D wurde mit allen Türrahmungen und Fenstern aus Muschelkalk ebenso wie eine Nachbildung des Reliefkopfes von Otto Lilienthal rekonstruiert.
Prof. Rauda ist wenig später 1946 im Zuge des Entnazifizierungsgesetzes aus der Dresdner Bauverwaltung entlassen worden und 1958 von der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt. Bereits 1957 beteiligte er sich an einem Wettbewerb zur Kölner Dom-Umgebung.

Das erste Sächsische Nachkriegsparlament wird am 20.10.1946 mit großer Manipulation seitens der SMAD (Sowjetische Militäradministration) gewählt. Die SED gewinnt mit 49 % und stellt den Ministerpräsidenten
Dr. Rudolf Friedrichs (ehem. SPD). 24,7 % erringt die LDP, 23,3 % die CDU. Nach Friedrichs Tod 1947 übernimmt bis zur Auflösung der Länder in der DDR Max Seydewitz.


Literatur

Heidrun Laudel: Das Luftgaukommando Dresden. Umgang mit einem Militärbau aus der NS-Zeit. In: Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre. Ergebnisse der Fachtagung in München 1993.

Hermann Rahne, Zur Geschichte der Dresdner Garnison im Zweiten Weltkrieg 1939 bis 1945. In: Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit, Altenburg 1994.

Matthias Donath: Architektur in Berlin 1933 - 1945, Berlin 2004. (Zum Luftgaukommando III in Dahlem von Fritz Fuß 1936 bis 38, S.148-151. Der Architekt F. Fuß war ein Schüler von Wilhelm Kreis. Die Berliner Anlage erinnert stark an diejenige in Dresden.)

Joachim Petsch: Kunst im Dritten Reich. Architektur, Plastik, Malerei, Alltagsästhetik, Köln 1994.

Mortimer G. Davidson, Kunst in Deutschland 1933 - 1945, Bd 3/1 - Architektur, Tübingen 1995.

Werner Durth, Deutsche Architekten, Stuttgart 2001
(Buch über Aufstieg und Ausbildung junger Architekten in Zeiten des Nationalsozialismus)

Winfried Nerdinger, Architektur, Macht, Erinnerung. Stellungnahme 1984 bis 2004, Hrsg. v. Christoph Hölz, Regina Prinz, Berlin/ München 2004

Volksbegehren vom 23. 05. bis 13.06.1948 / Kundgebung vor dem Sitz des damaligen Sächsischen Landtages, dem früheren Luftgaukommando IV.


Auf dem Propagandaspruch steht: "Idee wird materielle Gewalt, wenn sie die Massen ergreift."

Am 6.12.1947 fand in Berlin der sogenannte „Deutsche Volkskongress für Einheit und gerechten Frieden“ statt. Dieser SED-gesteuerte "Volkskongress" forderte von den Besatzungsmächten die Bildung einer neutralen gesamtdeutschen Regierung und den Abschluss eines Friedensvertrages. Während die Sowjetunion dem aus geopolitisch-strategischen Gründen zustimmte, lehnten die Westmächte beide Forderungen ab.

Das dann vom 23.5. bis 13.6.1948 in der SBZ und in der britischen Zone durchgeführte Volksbegehren unterzeichneten 38% aller Wahlberechtigten von ganz Deutschland. In der amerikanischen und französischen Zone wurde dieses Volksbegehren verboten. Die Abstimmung blieb ohne Folgen.

Nur eine Woche nach Ende des Volksbegehrens wurde am 20.6.1948 in den Westzonen eine separate Währungsreform durchgeführt, die auch auf Westberlin ausgedehnt wurde, was wiederum die "Berlin-Blockade" auslöste ...