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| Architekten: |
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Takeshi
Inoue (Kajima Corp. Tokyo) +
VEB Gesellschaftsbau Dresden |
Landschafts-
gestaltung: |
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Günter Kretzschmar |
| Bauzeit: |
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1982-
85 |
Ideenwettbewerb
Hotelneubau: |
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1980
(mindestens 12 Kollektive aus Dresden und Umgebung) |
| Adresse: |
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Große Meissner Straße 15 |
| Webseite: |
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www.bilderberg-bellevue-dresden.de |
Ideenwettbewerb Dresden 1980
Im Zuge der anvisierten
Eröffnung der wieder aufgebauten Semperoper 1985 wurde bereits im Jahr
1980 von der Stadt Dresden ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben, an dem
sich mindestens 12 Kollektive aus Dresden und Umgebung beteiligten.
Das repräsentative Interhotel für westliche Gäste ("Devisenhotel")
sollte auf der Neustädter Seite entlang dem geschwungenen Verlauf der
Köpckestraße liegen. Die Ergebnisse heben sich, ein Jahr nach
Fertigstellung der Plattenbauten am Neustädter Markt 1979, durch
Verwendung von postmodernen Elementen wie Erkern, geneigte Dachformen
und komplex gegliederte Bauformen ab. Im
Stadtplanungsamt Dresden haben sich einige Entwürfe des Wettbewerbes
erhalten, so z.B.

2. Preis: Büro des Stadtarchitekten Hans Konrad -
Vergrößerung
2. Preis: Autorenkollektiv, VEB BMK Kohle
und Energie
Dresden,
H. Rüpprich 3. Preis: VEB Gesellschaftsbau Dresden:
G.Gommlich,
T.Gustars, P.Junghans, W.Köckritz, E. Pfau Entwurf:
H. Hünig / Entwurf:
Ch. Steinbrück u. H. Witter
Der Erhalt des einzigen barocken Bürgerhauses
dieser Großen Meißner Gasse war in dem Wettbewerb nicht
vorgeschrieben. Einige Teilnehmer, wie Hünig, orientierten sich
überhaupt nicht am Vorkriegszustand, sondern entwarfen eine neue
extravagante Y-Form mit vorgelagerten Terrassen. Andere wiederum
bewiesen, dass man den Altbau sehr wohl in den Hotelneubaukomplex
integrieren könnte.
Letztendlich wurde jedoch die japanische
Firma Kajima Corporation sowie
Takeshi Inoue (in Kooperation des VEB Gesellschaftsbau Dresden,
u.a. Werner Bauer)
mit dem Entwurf betraut, da die Kapazitäten innerhalb der
DDR-Bauwirtschaft mit so einem Auftrag an ihre Grenzen stießen. Unterstützend
wirkten in dem komplexen Prozess Heinz Michalk (damaliger
Chefarchitekt von Dresden) und der Direktor der städtischen
Denkmalpflegebehörde. (1)
Ausschlaggebend
für die Namensfindung "Bellevue" war die Lage mit dem
"Canaletto-Blick" und die Tradition eines zerstörten
Hotels am gegenüberliegenden Ufer.
Der Entwurf des japanischen Architekten wurde unter der Maßgabe
realisiert, die auf dem Grundstück vorhandene Bausubstanz nun
doch zu erhalten. Allerdings musste
darum die Dresdner Denkmalpflege in einem unerhört großen
Kraftakt kämpfen, denn die Sprenglöcher für das unsanierte,
aber im Original noch vorhandene Barockhaus an der Meissner Straße
waren schon gebohrt. Durch anhaltenden Protest engagierter prominenter Dresdner Bürger
und eines FAZ-Artikels vom 22.12.1981 konnte in
letzter Minute eine Integration des Altbaus erfolgen.
(2)
Dieses ehemalige Wohn-, Brau- und Malzhaus ist das letzte Zeugnis
einer geschlossenen, zumeist in das 18. Jahrhundert zurückreichenden
Bürgerhausbebauung, die sich bis zu ihrem Abriss 1950 an dieser
Stelle entlang zog. Es stammt von George Bähr 1724.
Nach NW und SO schließt sich der Neubautrakt des Hotelkomplexes
an. Offenkundig hat man sich an der Proportionierung des Bürgerhauses
orientiert, ihm entsprechen Traufhöhe und Neigung des kupfergedeckten
Mansarddaches, ebenso die Gliederung der Achsen und Geschosse. Indem
das Projekt von einer japanischen Firma verwirklicht wurde, versuchte
man, einen internationalen Standard in der Tourismusbranche zu bedienen.
(aus: Architekturführer Dresden 1997, Hrsg.
von Gilbert Lupfer)
Bauten im Kontext
Neben der Einbeziehung des ehemaligen Kollegienhauses von 1724
kann auch der Wiederaufbau des Blockhauses im Jahr 1980 als bezugs-
und maßstabgebender Leitbau gewertet werden. Die Proportionen und
Höhenbeschränkungen des repräsentativen Hotels beziehen sich sowohl
auf das historische Umfeld als auch auf die gerade fertig gestellten
Wohngebäude des Neustädter Marktes von 1979.
Funktionen
Nach staatlichen Vorgaben wurde vom japanischen Planungsteam neben
der Hotelfunktion (inklusive Restaurants, Shops, Wellnessbereich,
Tiefgarage) auch ein Kongressbereich mit mehreren unterschiedlich
großen Tagungsräumen in den Neubaukomplex integriert.
Großzügige terrassenartige Speiseräume mit Elbpanoramablick
wurden zudem geschickt durch binnenstraßenartige Gänge
mit dem Altbau verbunden.
Das südliche, ehemals öffentliche Terrassenrestaurant ist
nach der Flut 2002 während einer Sanierung in einen lichtlosen
Tagungsraum "Leipzig" und eine Konferenzfläche umgebaut
worden.
Der original barocke, kleine Innenhof erhielt 2004 eine gläserne
Überdachung.
Die Fassaden
Während beim etwas später entstandenen Devisenhotel Hilton
am Dresdner Neumarkt auf eine optische Unterteilung der Fassaden (u.a.
Erker) geachtet wurde, schienen solche Art architektonische Details
und damit eine Anlehnung an den abwechslungsreichen Vorkriegszustand
der Barockstraße entbehrlich. Die Fassade mit einem Kompromiss
aus angedeuteten Mansarddach, Simsen und traditioneller Sockelzone
hat ansonsten eine eher moderne Haltung. Insbesondere die
erkerförmigen vertikalen Fensterbänder zur Gartenseite mit Blick auf
die Altstädter Silhouette kennzeichnen einen besonderen Akzent der
Postmodernen Architektur. Anleihen konnte der japanische Architekt
Inoue bei einer Studienreise u.a. in Budapest nehmen, um die die
Interhotelkette der DDR ihn bat (1). Beim
Budapester Hilton Hotel (1976), entworfen vom ungarischen
Architekten Pintér Béla, domnieren ebenfalls vertikale Fensterbänder
in bronzegefärbten Fenstergläsern. Zudem wurde eine ganze Reihe
Originalsubstanz historischer Bebauung im ersten Hilton-Hotel in einem
kommunistischen Land in Europa aufgenommen.
Semperoperarchitekt Hänsch lobte in "Architektur der DDR" 2/1987 das
Dresdner Hotel Bellevue, "deren Alt-Neu-Adaption eine größere
Sensibilisierung" erreicht hatte. Sie sei "Ausdruck des
Einsatzes unseres Bundes für die Wahrung und schöpferische
Weiterentwicklung der kulturellen Identität Dresdens." Das
Ergebnis wurde also innerhalb einer neuen kontextbezogenen,
neohistorischen Architektur als gelungen eingestuft.

Vergleich Situation 1948, Das helle Haus im Hintergrund ist der
einzig
gerettete Altbau dieser Straße.
Lediglich der geschwungene Straßenverlauf der Großen Meissner
Straße wurde in der leichten Biegung des neuen Hotelflügels
angedeutet.
Über einem Sandsteinsockel und der öffentlich zugänglichen
Shop- und Restaurantebene erheben sich drei Geschosse und ein Mansardgeschoss.
Im vertikalen Wechsel von hellen Sandsteinplatten und dunklen Fensterbändern
ergibt die Fernwirkung der Fassade ein vertikales Streifenmuster.
Kupferdach
Als respektlos muss man die Wahl des Dachmaterials Kupfer bezeichnen. Dieses in der Barockzeit kostbare Metall wurde im 18. Jahrhundert nur besonderen öffentlichen Gebäuden als herausragendes Alleinstellungsmerkmal zugestanden. Die Verwendung des Dachmaterials Kupfer am lang gestreckten Hotelkomplex entwertet das nebenstehende kupfergedeckte Japanischen Palais und macht das Material beliebig.
Andererseites wollte man evtl. gerade dadurch die Exklusivität des
"Devisenhotels" unterstreichen.
Kunst im Bau
In dem Gebäude wurden 1985 eine ganze Reihe sehr qualitätsvolle
Kunstwerke zur Ausschmückung integriert, so u.a. die langgestreckte
Wandgestaltung im Foyer des Hotels: Klaus Dennhardt: Faltungen,
Ornamentale Wandgestaltung aus Meissener Porzellan, 1984.

Foto: Nov 2025,
T.Kantschew,
Vergrößerung, Teilstück der gesamten
Wandgestaltung im Foyer. Der 1941 in Dresden geborene Klaus
Dennhardt zog 1985 nach Berlin West.
Gartengestaltung
An der Stelle dichter Vorkriegsbebauung in den Hinterhof-bereichen
konzipierte die Abteilung Freiflächengestaltung des VEB(B) Verkehrs- und Tiefbaukombinates Dresden einen großen Hotelgarten, der die historische Gartenanlage
des Japanischen Palais westlich des Hotels bis zur Augustusbrücke
in einer Verbindung von zeitgenössischen und neobarocken Elementen
fortsetzte. An der Brücke war bereits 1979/ 80 das Blockhaus
saniert und ein komplett neuer barockisierender Garten angelegt
worden.
Der Dresdner Landschaftsarchitekt Günter Kretzschmar gestaltete die Parkanlage am Hotel "Bellevue" Dresden 1985 und modifizierte 2004 das Gartenkonzept nach der großen Flutkatastrophe. Mehr Infos unter:
www.kretzschmar-partner.de und
www.baunetz.de
Die durchaus differenzierte Gartengestaltung des Hotel Bellevue ist
bisher kaum von der Kunstgeschichtskritik zur Kenntnis genommen worden,
obwohl sich Dresden seit 1989 in vielen Bereichen auf seine großen
Gartentraditionen des 17. bis 19. Jahrhundert besinnt. Dabei zeigt
sich der Stauden- und Baumbestand nach 20 Jahren Wachstum und Nutzung
in einer nachhaltig schlüssigen Konzeption. Diese von Anbeginn
auch der Öffentlichkeit zugängliche Parkanlage am Neustädter
Elbufer kann als eine der gelungensten Arbeiten im Bereich der Garten-
und Landschaftsgestaltung in der DDR-Zeit bezeichnet werden.
Insbesondere die geschwungene Wegeführung, verschiedene Ruhe-
und Erlebniszonen sowie die axiale Weiterführung einer Mittelachse
des Altbaus, die in einem Brunnen mit Mädchenfiguren mündet,
sind gelungen gartengestalterische Elemente.
Weitere Farbfotos bei mdm
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Hotel "Bellevue"
im Jahr 1990 - Gartenseite mit dem einbezogenen Barockhaus

Blick auf das fertiggestellte Devisenhotel 1986

  
Brunnen
1983/ 84: Vinzenz Wanitschke "Drei Grazien" (Bronze und
Sandstein).

Frau mit Ziegenbock - Plastik im Bellevue-Garten
1985 v. Christian Schulze

Ehemaliges Kollegienhaus. Erster Hof gegen das Vordergebäude,
Zustand 1981. Mit dem Hotelneubau in den Komplex integriert.

Tresen mit Sitzbank um eine Palme herum (Ausstattung 1985; VEB Möbelkombinat Berlin, VEB Innenprojekt Halle), Foto: SLUB

Brunnen auf dem Neustädter Markt mit Hotel
Westin (früher Bellevue) im Hintergrund,
Foto: Okt. 2014, T.Kantschew
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Garten kurz nach
der Eröffnung 1985 mit neu gepflanzten japanischen Kirschbäumen.

Hotel Bellevue
2005 (Ansicht von der Großen Meissner Straße)
Denkmalschutz
September 2020: Das Landesamt für
Denkmalpflege hat das Hotel Bellevue in die Liste der Kulturdenkmale
aufgenommen. Das Ensemble mit dem dazugehörigen Garten zur Elbe hin
genießt nun besonderen Schutz.
Literatur:
Dresden – das frühe Ende der "sozialistischen" Stadt.
Von der Moderne zurück zur "historischen" Stadt
Die sozialistische Umgestaltung des Dresdner Stadtzentrums – von dichten Strukturen zu modernen Stadtlandschaften – war wegen der damit verbundenen Zerstörung vieler identitätsstiftender Bauwerke von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Daher wurden bereits während der DDR-Zeit die entscheidenden Weichen zur Rekonstruktion der historischen Bauten und Quartiere gestellt. Von Tanja Scheffler. www.bpb.de vom 29.11.2012
(1) Max Hirsh, Postmodern. Architectural Exchanges Between
East Germany and Japan, in: Re-Framing Identities: Architecture's Turn
to History 1970–1990, S. 73–88, ed. by Ákos Moravánszky, Torsten Lange; Vol. 3,
Birkhäuser Verlag Basel 2017
(2) Ein altes Stück Dresden vor
dem Abriß, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.12.1981
Quellen:
Wettbewerb für den Neubau
eines Interhotels am Neustädter Markt in Dresden Enthält u.a.:
Pläne.- Modellfotos. Sächsisches Staatsarchiv, 11438 Büro für
architekturbezogene Kunst Dresden, Nr. 48 Datierung 1980 - 1981
Takeshi
Inoue
Die Kajima
Corporation Tokyo mit ihrem Hausarchitekten Takeshi
Inoue hatte nicht nur in Dresden ein Hotel mit Kongressbereich internationalen
Standards errichtet. Auch im damaligen Ostberlin setzte die Honecker-Regierung
Mitte der 1980er Jahre auf das einträgliche Geschäft mit Devisen
aus den sprudelnden Portemonnaies westlicher Touristen. Das japanische
Architekturteam schuf 1985-87
in Berlin Mitte an der Ecke
Friedrichstraße/ Unter den Linden vom gleichen Architekten Takeshi
Inoue das "Grand Hotel" in der Tradition kritischer Rekonstruktion
des Stadtgrundrisses - mit historisierender Formensprache (einschließlich
eines opulenten Entrees). Vgl.: Architekturkritik von Philipp Meuser 1997
in der Berliner Zeitung "Im
Dienste der Devisenbringer". Bei beiden Hotels (Grand Hotel
Berlin und Hotel Bellevue Dresden wurden „Züge des deutschen
Architekturerbes“ aufgenommen. (1)

Der Innenarchitekt des Hotel Bellevue Takeshi Inoue zu Besuch in Dresden und im
Gespräch mit dem Landesamt für Denkmalpflege und dem Amt für Kultur
und Denkmalschutz der Landeshauptstadt Dresden am 28. August 2024
www.denkmalpflege.sachsen.de
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Planungen 1969 für dieses Areal in Dresden

Geplantes Rehabilitationszentrum
1969
Zwischen Blockhaus und Jap. Palais wurde im General-bebauungsplan
1969 am Neustädter Elbufer ein außerordentlich voluminöses
Rehabilitationszentrum geplant. Es sollte "vielseitige Einrichtungen
der Gesundheitspflege, des Ausgleichssportes, der Gymnastik usw. enthalten."
(Quelle: Sächs. Zeitung, Sonderausgabe 04.Juli 1969) - Vergrößerung

Planungen 1969
Blick auf die Innere Neustadt mit Neustädter Markt, Hauptstraße
(ehem. "Straße der Befreiung") und Albertplatz (ehem.
"Platz der Einheit") und rechtselbischer Ufergestaltung
(Quelle. SZ 04.07.1969) - Vergrößerung
Ein weiteres größeres Bürogebäude war auf dem
Narren-
häuselgrundstück geplant.
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Zum Vergleich: Situation
vor 1945 mit dichter barocker Neustadt, den Privatgärten an der
Großen Meissner Straße und Elbwiesen, Stadtplan 1898

Ausschnitt aus dem Stadtplan. Planungsleitbild Innenstadt, 1991. Gelb:
Historischer Zustand vor 1945 - Schwarz: Zustand 1991 - Blau: Hotelkomplex
Bellevue

Hotel Bellevue im November 2020. Foto: Peter Schubert- K4 Verlag,
Vergrößerung

Profilierte
Südfassade des Hotels mit vorgelagerten Nutzungen (hier:
Wellnessbereich). Im Vordergrund abstrakte Kunst von Hermann Glöckner:
Stahlplastik "Gebrochenes Band" von 1985. Das Kunstwerk stand
ursprünglich im Foyer des Bellevue-Hotels und wurde 1999 in den
öffentlichen Hotelgarten versetzt. Der mittlerweile deutschlandweite
bekannte Dresdner Künstler hatte sich bereits in den 1920er Jahren
konstruktivistischer Kunst gewidmet. Foto: T.Kantschew im
November 2023,
Vergrößerung

Erkerförmige Fensterbänder, bereits u.a. 1915 am Sächs.
Hauptstaatsarchiv angewandt, als postmodernes Zitat.
Vergrößerung und Gesamt. Foto: T.Kantschew 2023
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