Devisenhotel "Bellevue"
Canalettoblick, Postmoderne und ein letztes Barockhaus

 
Architekten:   Takeshi Inoue (Kajima Corp. Tokyo) +
VEB Gesellschaftsbau Dresden
Landschafts-
gestaltung:
  Günter Kretzschmar
Bauzeit:   1982- 85
Adresse:   Große Meissner Straße 15
Webseite:   www.westin-dresden.de
www.westinbellevuedresden.com


Ausschlaggebend für die Namensfindung "Bellevue" war die Lage mit dem "Canaletto-Blick" und die Tradition eines zerstörten Hotels am gegenüberliegenden Ufer.
Der Entwurf wurde unter der Maßgabe realisiert, die auf dem Grundstück vorhandene Bausubstanz zu erhalten. Allerdings musste darum die Dresdner Denkmalpflege in einem unerhört großen Kraftakt kämpfen, denn die Sprenglöcher für das unsanierte, aber im Original noch vorhandene Barockhaus an der Meissner Straße waren schon gebohrt. Durch anhalten- den Protest engagierter prominenter Dresdner Bürger konnte in letzter Minute eine Integration des Altbaus erfolgen.
Dieses ehemalige Wohn-, Brau- und Malzhaus ist das letzte Zeugnis einer geschlossenen, zumeist in das 18. Jahrhundert zurückreichenden Bürgerhausbebauung, die sich bis zu ihrem Abriss 1950 an dieser Stelle entlang zog. Es stammt von George Bähr 1724.
Nach NW und SO schließt sich der Neubautrakt des Hotelkomplexes an. Offenkundig hat man sich an der Proportionierung des Bürgerhauses orientiert, ihm entsprechen Traufhöhe und Neigung des kupfergedeckten Mansarddaches, ebenso die Gliederung der Achsen und Geschosse. Indem das Projekt von einer japanischen Firma verwirklicht wurde, versuchte man, einen internationalen Standard in der Tourismusbranche zu bedienen.
Der Neubau Hotel Bellevue steht in einer Reihe von Baumaßnahmen zur innerstädtischen Belebung, die in der ganzen DDR, aber auch in der BRD die zunehmende Verödung der Innenstädte stoppen sollte.
(Textteile: Architekturführer Dresden 1997, Hrsg. von Gilbert Lupfer)

Leitbau
Neben der Einbeziehung des ehemaligen Kollegienhauses von 1724 kann auch der Wiederaufbau des Blockhauses im Jahr 1980 als bezugs- und maßstabgebender Leitbau gewertet werden.


Funktionen

Nach staatlichen Vorgaben wurde vom japanischen Planungsteam neben der Hotelfunktion (inklusive Restaurants, Shops, Wellnessbereich, Tiefgarage) auch ein Kongressbereich mit mehreren unterschiedlich großen Tagungsräumen in den Neubaukomplex integriert.
Großzügige terrassenartige Speiseräume mit Elbpanoramablick wurden zudem geschickt durch binnenstraßenartige Gänge mit dem Altbau verbunden.
Das südliche, ehemals öffentliche Terrassenrestaurant ist nach der Flut 2002 während einer Sanierung in einen lichtlosen Tagungsraum "Leipzig" und eine Konferenzfläche umgebaut worden.
Der original barocke, kleine Innenhof erhielt 2004 eine gläserne Überdachung.


Die Fassaden
Während beim etwas später entstandenen Devisenhotel Hilton am Dresdner Neumarkt auf eine optische Unterteilung der Fassaden (u.a. Erker) geachtet wurde, schienen solche Art architektonische Details und damit eine Anlehnung an den abwechslungsreichen Vorkriegszustand der Barockstraße entbehrlich. Die Fassade mit einem Kompromiss aus angedeuteten Mansarddach, Simsen und traditioneller Sockelzone hat ansonsten eine eher moderne Haltung.
Semperoperarchitekt Hänsch lobte in "Architektur der DDR" 2/1987 das Hotel Bellevue, "deren Alt-Neu-Adaption eine größere Sensibilisierung" erreicht hatte. Sie sei "Ausdruck des Einsatzes unseres Bundes für die Wahrung und schöpferische Weiterentwicklung der kulturellen Identität Dresdens."


Oktober 1948, Das helle Haus im Hintergrund ist der einzig
gerettete Altbau dieser Straße.


Lediglich der geschwungene Straßenverlauf der Großen Meissner Straße wurde in der leichten Biegung des neuen Hotelflügels angedeutet.

Über einem Sandsteinsockel und der öffentlich zugänglichen Shop- und Restaurantebene erheben sich drei Geschosse und ein Mansardgeschoss. Im vertikalen Wechsel von hellen Sandsteinplatten und dunklen Fensterbändern ergibt die Fernwirkung der Fassade ein Streifenmuster.


Kupferdach
Als respektlos muss man die Wahl des Dachmaterials Kupfer bezeichnen. Dieses in der Barockzeit kostbare Metall wurde im 18. Jahrhundert nur besonderen öffentlichen Gebäuden als herausragendes Alleinstellungsmerkmal zugestanden. Die Verwendung des Dachmaterials Kupfer am lang gestreckten Hotelkomplex entwertet das nebenstehende kupfergedeckte Japanischen Palais und macht das Material beliebig.


Gartengestaltung
An der Stelle dichter Vorkriegsbebauung in den Hinterhof-bereichen konzipierte die Abteilung Freiflächengestaltung des VEB(B) Verkehrs- und Tiefbaukombinates Dresden einen großen Hotelgarten, der die historische Gartenanlage des Japanischen Palais westlich des Hotels bis zur Augustusbrücke in einer Verbindung von zeitgenössischen und neobarocken Elementen fortsetzte. An der Brücke war bereits 1979/ 80 das Blockhaus saniert und ein komplett neuer barockisierender Garten angelegt worden.

Der Dresdner Landschaftsarchitekt Günter Kretzschmar gestaltete die Parkanlage am Hotel "Bellevue" Dresden 1985 und modifizierte 2004 das Gartenkonzept nach der großen Flutkatastrophe. Mehr Infos unter:
www.kretzschmar-partner.de und aksachsen.org

Die durchaus differenzierte Gartengestaltung des Hotel Bellevue ist bisher kaum von der Kunstgeschichtskritik zur Kenntnis genommen worden, obwohl sich Dresden seit 1989 in vielen Bereichen auf seine großen Gartentraditionen des 17. bis 19. Jahrhundert besinnt. Dabei zeigt sich der Stauden- und Baumbestand nach 20 Jahren Wachstum und Nutzung in einer nachhaltig schlüssigen Konzeption. Diese von Anbeginn auch der Öffentlichkeit zugängliche Parkanlage am Neustädter Elbufer kann als eine der gelungensten Arbeiten im Bereich der Garten- und Landschaftsgestaltung in der DDR-Zeit bezeichnet werden.
Insbesondere die geschwungene Wegeführung, verschiedene Ruhe- und Erlebniszonen sowie die axiale Weiterführung einer Mittelachse des Altbaus, die in einem Brunnen mit Mädchenfiguren mündet, sind gelungen gartengestalterische Elemente.

Weitere Farbfotos bei mdm

 


2005 feiert das "Bellevue" sein 20-jähriges Bestehen. (Aufn. 1990)

Blick auf das fertiggestellte Devisenhotel 1986


Brunnen 1983/ 84: Vinzenz Wanitschke "Drei Grazien" (Bronze und Sandstein).

Frau mit Ziegenbock - Plastik im Bellevue-Garten 1985 v. Christian Schulze

Ehemaliges Kollegienhaus. Erster Hof gegen das Vordergebäude, Zustand 1981. Mit dem Hotelneubau in den Komplex integriert.



Tresen mit Sitzbank um eine Palme herum (Ausstattung 1985; VEB Möbelkombinat Berlin, VEB Innenprojekt Halle), Foto: SLUB


Garten kurz nach der Eröffnung 1985 mit neu gepflanzten japanischen Kirschbäumen.



Hotel Bellevue 2005 (Ansicht von der Großen Meissner Straße)


Literatur:

Dresden – das frühe Ende der "sozialistischen" Stadt.
Von der Moderne zurück zur "historischen" Stadt
Die sozialistische Umgestaltung des Dresdner Stadtzentrums – von dichten Strukturen zu modernen Stadtlandschaften – war wegen der damit verbundenen Zerstörung vieler identitätsstiftender Bauwerke von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Daher wurden bereits während der DDR-Zeit die entscheidenden Weichen zur Rekonstruktion der historischen Bauten und Quartiere gestellt. Von Tanja Scheffler. www.bpb.de vom 29.11.2012

 

Takeshi Inoue
Die Kajima Corporation Tokyo mit ihrem Hausarchitekten Takeshi Inoue hat nicht nur in Dresden ein Hotel mit Kongressbereich internationalen Standards errichtet. Auch im damaligen Ostberlin setzte die Honeckerregierung Mitte der 80er Jahre auf das einträgliche Geschäft mit Devisen aus den sprudelnden Portemonnaies westlicher Touristen. Das japanische Architekturkollektiv schuf 1985-87 in Berlin Mitte an der Ecke Friedrichstraße/ Unter den Linden vom gleichen Architekten Takeshi Inoue das "Grand Hotel" in der Tradition kritischer Rekonstruktion des Stadtgrundrisses - mit historisierender Formensprache (einschließlich eines opulenten Entrees). Architekturkritik von Philipp Meusser 1997 in der Berliner Zeitung Im Dienste der Devisenbringer




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Planungen 1969 für dieses Areal in Dresden


Geplantes Rehabilitationszentrum 1969
Zwischen Blockhaus und Jap. Palais wurde im General-bebauungsplan 1969 am Neustädter Elbufer ein außerordentlich voluminöses Rehabilitationszentrum geplant. Es sollte "vielseitige Einrichtungen der Gesundheitspflege, des Ausgleichssportes, der Gymnastik usw. enthalten." (Quelle: Sächs. Zeitung, Sonderausgabe 04.Juli 1969) - Vergrößerung


Planungen 1969
Blick auf die Innere Neustadt mit Neustädter Markt, Hauptstraße (ehem. "Straße der Befreiung") und Albertplatz (ehem. "Platz der Einheit") und rechtselbischer Ufergestaltung (Quelle. SZ 04.07.1969) - Vergrößerung
Ein weiteres größeres Bürogebäude war auf dem Narren-
häuselgrundstück geplant.


Zum Vergleich: Situation vor 1945 mit dichter barocker Neustadt, den Privatgärten an der Großen Meissner Straße und Elbwiesen, Stadtplan 1898

Ausschnitt aus dem Stadtplan. Planungsleitbild Innenstadt, 1991. Gelb: Historischer Zustand vor 1945 - Schwarz: Zustand 1991 - Blau: Hotelkomplex Bellevue