Werksgebäude für Fotoapparate der Ernemann AG
Gut gestaltete Flächen in Eisenbeton & Eigenwillige Turmlösung

 

Architekt:   Emil Högg und Bauingenieur Richard Müller
Bauzeit:   1915- 18, 1922- 23
Adresse:.   Junghansstraße 1
Webseite der außerordentlich sehenswerten Technischen Sammlungen Dresden: ______www.tsd.de



"Die H. Ernemann AG erwarb 1913 ein Grundstück neben ihrem Stammhaus und ließ einen vierflügeligen Bau für die Kameraproduktion projektieren. Ein Hofgebäude sollte Kraftzentrale, Gießereien und Kantine aufnehmen. Nur der 6-geschossige Trakt (1915-18) und das 12 geschossige Turmhaus sowie der Flügel an der Schandauer Straße (je 1922-23) entstanden planmäßig. Ein Flügel an der Glashütter Straße wurde vereinfacht ausgeführt. Bei der Gestaltung in Eisenbeton-Skelettbauweise errichteten Komplexes wurde auf historisierende Elemente und eine Verkleidung des Betons verzichtet. Die vor die Wandfläche gezogenen Stützen wurde mit Perlstäben ornamentiert und verleihen dem Gebäude eine vertikale Dynamik, die erst durch die zurückgestuften Dachgeschosse abgefangen wird.
Das Turmhaus sollte repräsentative Büroräume und eine Sternwarte aufnehmen."
(Architekturführer Dresden 1997)

Bekenntnis zur Großstadt

Am auffälligsten ist wohl die originäre Turmlösung. Selbstbewußt ragt aus der gestaffelten Ecke des Gebäudekomplexes ein mehrstöckiger ovaler Turm heraus und verleiht diesem Teil Striesens dadurch ein markantes großstädtisches Gepräge. Seinerzeit sollte der eigenwillige Turm sogar Assoziationen zu US-amerikanischen Wolkenkratzern wecken, wie Bertram Kurze in "
Die Industriearchitektur der Ernemann-Werke in Dresden 1898 - 1945" darlegt. Der Autor beschreibt u.a. darinnen den Wettbewerb zu diesem Vorzeigewerk, an dem auch Riemerschmidt 1912- 14 teilgenommen hatte. Die Entwürfe zu dem Erweiterungsbau sollten weder nur mit "nüchterner Zweckmäßigkeit" noch im "Bausyle vergangener Jahrhunderte" ausgestattet sein. Der Bauherr entschied sich jedoch für Högg & Müller, wohl gerade wegen des imposanten Turmes, welcher an amerikanische Geschäftshäuser erinnerte. War es doch die "Propaganda", auf die Ernemann nicht verzichten wollte,

"... um so weniger, als uns hierin andere Länder, z.B. Amerika, mit denen wir den Wettbewerb auf dem Weltmarkte zu führen haben, weit voraus sind. Michel kann artig und still sein, wenn John Bull und andere Rivalen brüllen ... "

(Textquelle zitiert nach: Bertram Kurze: Die Industriearchitektur der Ernemann- Werke in Dresden 1898-1945
, hrsg. von den Technischen Sammlungen Dresdens 1998)


"Besonders das innere Konstruktionsprinzip der Fabrik war als technische Meisterleistung anzusehen: Mit Hilfe versetzt angeordneter Säulen erlangte Ingenieur Müller zum einen die großzügigen, wenig unterbrochenen Innenräume, zum anderen konnten resonatorische Schwingungen des Stahlbetongerüstes nahezu ausgeschlossen werden. Alle Fenster sind in das Raster des Stahlbetonskeletts so eingefügt, daß für die Innenräume eine hohe Lichtausbeute erreicht wurde. (aus: Tilo Richter, Industriearchitektur in Dresden, 1997)


"Auf historisierende Elemente verzichtet"?

Ein imposanter Turm, aber ein konventionell geschmückter Eingang? Dem oberen Zitat aus dem Architekturführer von 1997 muss widersprochen werden. Gerade der repräsentative Haupteingang ist ein ganz typisches Beispiel für die anhaltende Wirkung traditioneller Einflüsse. Das Portal ist aufwändig mit mehreren klassischen Gestaltungselementen gegliedert, so ein hervorgerückter Dreiecksgiebel, Pilaster, eine Treppe und vor allem eine reich in goldener Ornamentierung gestaltete Tür, welche darüber ein Oberlicht mit verschieden farbigen Glasmosaiken erhielt.
Auch außerhalb der Portalzone finden sich jede Menge in der Bautradition wurzelnde Elemente, wie die direkt in den Stampfbeton ornamentierten Perlstäbe, die ovale Form der Fenster im oberen Turmbereich, die kupferbedeckte Kuppellösung, Unterteilung der Fenster in Sprossen, Gesimse, Symmetrie, Profilierungen u.v.m.

Natürlich ist dieses Werk ein klarer moderner Fabrikbau im Stil der sehr frühen "Neuen Sachlichkeit", welcher auf geometrische Grundformen aufbaut. Aber er ist zugleich auch ein Bau, der eine Balance zwischen Aufbruch und Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Bautradition wahrt. Emil Höggs und Richard Müller's Ernemannwerk zeigen gerade, wie neue Baustoffe und die Vereinfachung der Formen mit der geschichtlich gewachsenen Kontinuität versöhnt werden sollten.

Der Kunsthistoriker Gilbert Lupfer beschreibt den Bau so: "Die trotz der funktionsbedingt großen Fensterflächen strenge Fassadengliederung der feinmechanisch-optischen Fabrik könnte man als Neoklassizismus mit nachklingenden historischen Elementen charakterisieren." (Skizze einer Geschichte der modernen Architektur in Dresden von der Jahrhundertwende bis in die 30er Jahre, in: Festschrift Professor Jürgen Paul, Dresden 2000)

Für die Fassade und die architektonischen Strukturen war übrigens E. Högg verantwortlich, während Müller das später patentierte Tragwerk konzipierte. Details über die Theorien des TH-Professor Högg zum Verhältnis Architektur - Ornament siehe auch: Emil Högg, Das Ornament oder Schmuckwerk, Strelitz (Mecklenburg) 1925.


Public Relation im Stadtraum

Seit 1992 nutzen die Technischen Sammlungen der Stadt das leerstehende Firmengebäude eines der innovativsten
sächsischen Unternehmen. Damit ging nach über 100 Jahren Firmengeschichte dieses traditionsreiche, international geachtete Werk für Spiegelreflexkameras und optische Geräte zu Ende - wie Tausende andere zu VEB's umfunktionierte, verstaatlichte Betriebe in Sachsen nach 1989.
Nur noch der markant in der Straßenfront herausragende Turm erinnert an das damalige Konzept, durch vertikale Betonung der Firmengebäude Werbung in eigener Sache zu betreiben. Heinrich Ernemann hatte ausdrücklich eine ausdrucksstarke Architektur, die Reklame für seine Weltfirma machen soll, gefordert:

""Man mag z.B. über die Orientalische Zigarettenfabrik Yenidze vom künstlerischen Standpunkte aus urteilen wie man will; vom geschäftlichen Standpunkte ersetzt sie der Firma alljährlich mindestens 20 000 Mark für Reklame in anderer Form, wie Annoncen, etc. Die originelle Form allein verzinst so ein Kapital von ca 1/2 Million Mark. ... Bei allem Idealismus lassen sich Propaganda und Aesthetik nicht immer vereinigen."
(Bauprogramm mit Anmerkung des Bauherrn, 1913, in: Germ. National Museum Nürnberg), Nachlaß. /

(Textquelle zitiert nach: Bertram Kurze: Die Industriearchitektur der Ernemann- Werke in Dresden 1898-1945
, hrsg. von den Technischen Sammlungen Dresdens 1998)

Turmhaus - Hochhaus

Das Ernemannwerk kann man als eines der ersten Hochhäuser Dresdens bezeichnen. Geschickt wurden die fünf oval aufragenden Büroetagen (einschließlich geplanter Sternwarte) als Turm bzw. Turmhaus bezeichnet, um darüber hinweg zu täuschen, dass es sich im Grunde tatsächlich um ein Hochhaus handelte. Ähnliche Ausnahmen wurden bei der Baugenehmigung für den Industriekomplex der Zigarettenfabrik Yenidze (gebaut 1908-09) gemacht, die auch weit über der normalen Dresdner Firsthöhe von 22 m aufragte. Aber bei Industriebauten wurde ein anderer Maßstab angelegt, als bei Geschäfts- und Wohnhäusern. So konnte dann doch der Ernemann-Turm insgesamt 48 Meter (!) in die Höhe gehen.

Die Architekten
Emil Högg und Richard Müller


Das Architektenduo schuf u.a. in Dresden gemeinsam zur
6. Jahresschau der Deutschen Arbeit 1927 auf dem alten Ausstellungsgelände Stübelplatz mehrere Gebäude.

Prof. Emil Högg (1867-1954)
Der heute wenig bekannte Architekt Prof. Dr. Ing. e.h. Högg war bis 1904 als Stadtbaumeister unter Stadtbaurat Ludwig Hoffmann in Berlin tätig. Ein Jahr später gründete er dann in Bremen das Gewerbemuseum sowie Gewerbeschule und wurde dort Direktor (siehe Bild einer modernen Straßen-leuchte rechts). 1911 bis 1936 hatte er den Lehrstuhl für Raumkunst und Ingenieur-Baukunst an der TH Dresden inne. Bekannt wurde er durch seine Veröffentlichungen zur Gestaltung von Friedhöfen und Denkmalen, durch seine Tätigkeit als Beauftragter für Soldatenfriedhöfe in Belgien 1914 bis 1918 sowie als Kirchenbauwart und Denkmalpfleger.
1928 bis 1931 baute er das klinkerverblendete Generatorenhaus vom Pumpspeicherwerk in Dresden-Niederwartha. Auch Emil Högg ließ sich verleiten, mehrfach zur NS- Weltanschauung des Dritten Reichs bejahende Positionen einzunehmen.

Infos zu Emil Högg: http://de.wikipedia.org



Wiederherstellung des Alten

An dieser Stelle sei kurz erwähnt, daß die 20er und 30er Jahre in Dresden nicht nur eine Zeit des Öffnens für
neue architektonische Ideen waren, sondern auch eine verantwortungsvolle Zeit der Bewahrung des Überlieferten. Viele historische Gebäude waren stark renovierbedürftig geworden. Die Stadt Dresden besann sich dieser für die Industrie- und Kulturstadt so anziehenden Bauten und steckte Tausende von Reichsmark in deren Instandsetzung (u.a. auf Druck des Sächsischen Heimatvereins). Damit investierte die weitsichtige Stadtverwaltung auch in die Zukunft des Tourismusstandortes Dresden.
Das Palais Wackerbarth, die Ritterakademie in der Neustadt und das Cosel-Palais wurden im Inneren wie im Äußeren wiederhergestellt.
Bedeutende Restaurierungsarbeiten setzten 1925 im Inneren der Frauenkirche ein. Von 1938 - 44 gelang es in einer 2. umfassenden Sanierungsphase durch statische Maßnahmen (u.a. Einziehen eines Kuppelringes), die Frauenkirche in ihrem Bestand wieder zu sichern. Die fortschreitende Zerstörung des Zwingers konnte Hubert Ermisch ab 1924 durch eine Generalrestaurierung beenden.
Diese Maßnahmen der Denkmal- und Stadtbildpflege bildeten ein wichtiges Gegengewicht zum großen Modernisierungs- schub in Deutschland, den das Industrieland Sachsen und seine Hauptstadt Dresden mit voran trieb.

Heimat und Globalisierung

Bemerkenswert ist auch, daß ausgerechnet in Dresden (bereits 1904) ein Deutscher Bund Heimatschutz ins Leben gerufen wurde, der aufgrund fortschreitender Industrialisierung und Auflösung traditioneller Bezugsquellen rasch deutschlandweit aktiv wurde. Wenig später gingen aus dieser Institution mehrere neue Vereine hervor, so u.a. der Naturschutzbund. Leider konnte der Heimatschutzbund nicht verhindern, daß er ab 1933 von den ultrakonservativen Nationalsozialisten für ihre Zwecke instrumentalisiert wurde. Die radikalen Ideologen wußten sehr geschickt deutsche Modernisierungsängste für ihre Propaganda zu nutzen, die bald in eine totalitäre Diktatur führen sollte.


Lesetipp:

Kurze,
Bertram: Die Industriearchitektur der Ernemann-Werke in Dresden 1898 - 1945, hrsg. von den Technischen Sammlungen Dresdens 1998.

Göllner, Peter: Ernemann Cameras und die Geschichte des Dresdner Photo-Kino-Werks. Wittig Fachbuchverlag, 1995 ISBN 978-3930359295 (antiquarisch)

Heckner, Hans: Neubauten der Professoren Dr.-Ing. E. Högg und Dr. Ing. R. Müller. Dresden ersters Turmhaus. In: Der Industriebau, XV. Jg. (1924), Heft 1.

www.dresdner-kameras.de


Portal vom Haupteingang des Werksgebäude der Ernemann AG
Portal (Haupteingang)
Detail Eingang Ehemaliges Ernemann Kamera Werk in Dresden Striesen
Ehemaliges Ernemann-Werk in Striesen
Turm als sichtbare Reklame im Stadtraum
Eckbetonung und ovale Turmspitze VEB Ernemann Werk 1949
Ernemannwerk 1949 Ernemann Logo in Form eines Malteser Kreuzes zum Transport der Filmrolle durch die Perforierung
Das Firmenlogo im Eingangsbereich stellt ein Malteserkreuz zum Transport der perforierten Filmrolle in herkömmlichen (nicht digitalen) Filmprojektoren dar.

Bertram Kurze: Die Industriearchitektur der Ernemann-Werke in Dresden 1898 - 1945, hrsg. von den Technischen Sammlungen Dresdens 1998.

11 m hoher Jugendstilmast in Berlin Pankow- 1909 vom damaligen Bremer Architekten Emil Högg entworfen, 2003 restauriert.